Die Einheitsübersetzung soll Open Access werden

Dieses Jahr soll nicht nur eine Revision der Lutherbibel erscheinen, sondern auch eine der Einheitsübersetzung. Die Einheitsübersetzung ist die offizielle Bibelübersetzung der deutschen Katholiken und meiner Erfahrung nach eine relativ gelungene Mischung aus inhaltsgetreuer Wiedergabe ohne unnötige Freiheiten. Die Erstausgabe der ökumenischen Bibelübersetzung ist über 40 Jahre alt, die erste Revision (von 1979/80) nicht viel jünger.

Zu dieser Revision der Einheitsübersetzung kommt aus dem Netz ein interessanter Vorstoß: Eine Petition an die deutsche Bischofskonferenz will erreichen, dass der Bibeltext zum nichtkommerziellen Gebrauch uneingeschränkt freigegeben wird – die Einheitsübersetzung soll nach dem Willen der Unterzeichner Open Access werden. weiterlesen

Das "Evangelium der Frau Jesu"

Einmal mehr, möchte man der Überschrift hinzufügen. Denn nach der Veröffentlichung des sensationellen Fragments im Jahr 2012 hatten bloggende Theologen das „Evangelium der Frau Jesu“ innerhalb weniger Tage als Fälschung bloßgestellt. Dass der Text einen auffälligen Schreibfehler aus einer Online-Ausgabe des Thomas-Evangeliums enthielt, überzeugte die allermeisten Fachleute. Nur die Massenmedien ließen sich dazu hinreißen, auf die vermeintliche Sensation hereinzufallen. Und ihr natürlich einen ganz anderen historischen Stellenwert zuzuschreiben, als sie in Wirklichkeit aufweist. Es wäre der erste antike Text, in dem erwähnt wird, dass Jesus verheiratet gewesen sein könnte.

Auch Karen King ließ sich nicht beeindrucken, die Patin des „Evangeliums der Frau Jesu“. Erste wissenschaftliche Tests schienen ihr Recht zu geben: Das verwendete Papyrus erwies sich tatsächlich als antik. Auch die Tinte wies keine offensichtlich modernen Materialien auf. Die Möglichkeit einer geschickten Fälschung ließ sich dadurch freilich noch nicht ausschließen. Die Medien berichteten dennoch schon, das „Evangelium der Frau Jesu“ sei echt. Auch Prof. King erschien es zu unplausibel, dass ein hypothetischer Fälscher von solcher Geschicklichkeit sich einen so groben Schnitzer wie einen kopierten Schreibfehler leisten würde. Die Harvard-Professorin war fest davon überzeugt, dass letztlich nur weitere wissenschaftliche Tests den Ausschlag zu einem Urteil darüber geben dürften, ob der Fund gefälscht war.

Trotz großer Skepsis an dem Fund aus weiten Teilen der Wissenschaft widmete die Fachzeitschrift „Harvard Theological Review“ 2014 dem „Evangelium der Frau Jesu“ und seiner Erforschung eine ganze Ausgabe. Darin kam nur ein Skeptiker zu Wort. Doch im Juli 2015 bestätigte eine Ausgabe des Journals „New Testament Studies“ erneut, dass das Papyrusfragment wahrscheinlich eine moderne Fälschung ist – sämtliche darin zu Wort kommenden Experten vertraten diese Ansicht.

Erst jetzt, dreieinhalb Jahre nach der öffentlichen Vorstellung des Texts, ist einem investigativen Journalisten gelungen, was skeptische  Fachkollegen nicht geschafft hatten: Prof. King zu der Einsicht zu bewegen, dass das „Evangelium der Frau Jesu“ wohl gefälscht ist. weiterlesen

Tell Arad

Titelbild: Luftbild der Ausgrabungsstätte Tel Arad. Zu sehen ist auch die Ruine des antiken Militärstützpunkts

Israelische Wissenschaftler wollten in einer jetzt veröffentlichten Studie Erkenntnisse zur möglichen Entstehungszeit des Alten Testaments gewinnen. Dazu haben sie eine etwas überraschende Vorgehensweise gewählt: Ein Textcorpus aus der Zeit des ersten Tempels wurde einer Handschriftenanalyse unterzogen, um die Anzahl der nachweisbaren Autoren zu bestimmen. So wollte man sich ein Bild davon machen, wie es vor dem babylonischen Exil im Königreich Juda um die Bildung bestellt war – und wie wahrscheinlich es ist, dass in einem solchen Umfeld literarische Texte entstanden sein könnten. weiterlesen

Die Homepage von Logos 6 lädt zum Stöbern in der eigenen Bibliothek ein.

Update 13.03.16: Jetzt ist auch das etwas später publik gemachte Gold-Paket berücksichtigt. Details im Text.

Letzten Herbst habe ich das professionelle Bibelprogramm Logos 6 Gold getestet. Damals war eine der größten Hürden für deutsche Nutzer noch, dass es fast nur englisches Material gab. Das hat sich jetzt geändert. (Hier geht es zu meiner Besprechung von Logos 6.)

Auf einer eigenen neuen Webseite gibt es seit kurzem deutsche Logos 6-Basispakete zum Vorbestellen. Die drei Pakete unterscheiden sich in Umfang und Preis (Vergleich hier):

  • Das Bronze-Paket kostet regulär knapp 230€ (Einführungspreis: 212,49€, eigentlicher Gesamtwert 1.743,86€)
  • Das Silber-Paket kostet regulär knapp 550€ (Einführungspreis: 509,99€, eigentlicher Gesamtwert 4.154,58€)
  • Das Gold-Paket kostet regulär etwa 940€ (Einführungspreis: 799.97€, eigentlicher Gesamtwert €11,050.71).

Die Euro-Preise sind dabei aktuelle, dynamische Umrechnungen des fixen Dollar-Preises. Nach meinen Informationen sind alle in Bronze enthaltenen Ressourcen auch in Silber verfügbar. Ähnliches sollte für den Sprung von Silber auf Gold gelten.

Zu beachten ist zudem der „dynamische Preis“, der bestehenden Kunden zugute kommt: Wer einzelne Werke aus den Paketen schon besitzt, muss diese nicht noch einmal bezahlen. Entsprechend verbilligt sich das Ganze. In meinem Fall wären für das Bronze-Paket z.B. nur 87€ und für Silber nur 232€ fällig, für Gold immerhin 604€. weiterlesen

Alpheios

Beitragsbild: Alpheios-Toolbar und Analysefenster auf bibelwissenschaft.de

Wer exegetisch forscht, muss gelegentlich griechische Quellentexte lesen. Und bevor jetzt jemand mit „Ja selbstverständlich!“ reagiert: Ich rede von Texten, die nicht zum Neuen Testament gehören. Es könnte der obskure antike Schriftsteller sein, der ein kompliziertes Wort benutzt, das im Neuen Testament nur ein paar Mal vorkommt. Oder man möchte im Original nachvollziehen, wie dieser oder jener Kirchenvater eine bestimmte Bibelstelle interpretiert hat. Die entsprechenden altgriechischen Quellen gibt es recht häufig im Internet zu finden.

Das Problem: Nicht jeder kann so gut Griechisch, dass er solche Texte ohne Hilfsmittel verstehen könnte. Oft ist man auch als ausgebildeter Exeget zumindest auf ein Wörterbuch angewiesen. Das Nachschlagen von Wörtern oder die Formenbestimmung erledigt für viele moderne Theologen normalerweise das professionelle Bibelprogramm. Bloß hilft das wenig, wenn man stattdessen mit digitalen Texten aus dem Netz arbeiten muss. Oder wenn man gar kein solches Bibelprogramm besitzt. weiterlesen

Es ist eine dieser biblischen Geschichten, die jeder kennt. Und die uns dennoch etwas lehren kann, das in unserer Zeit dringend gebraucht wird.

Ein Schriftgelehrter will von Jesus wissen, wie Nächstenliebe funktioniert. Der erzählt die berühmte Geschichte von einer grausamen Schandtat und einem hilflos zurückgelassenen Opfer, das dringend auf medizinische Versorgung angewiesen ist. Religiöse Vorbildfiguren kommen vorbei und trauen sich nicht zu helfen. Ausgerechnet einer, von dem niemand etwas Gutes erwarten würde, hilft dem Verletzten schließlich unter Einsatz seines Lebens.

Nächstenliebe!, mag man beim Lesen der Geschichte mit einem Seufzen denken: ein schönes Ideal! Das muss ich mir merken, falls ich mal in der U-Bahn oder am Straßenrand einen Verletzten sehe, um den sich keiner kümmert. Und mit einem schönen Gefühl im Bauch blättert man weiter. So ging es mir zumindest lange Zeit.

Doch wer bisher dachte, der barmherzige Samariter sei nicht mehr als eine nette Illustration der Nächstenliebe, der verpasst etwas ganz Wesentliches. weiterlesen

365meme

Es ist eine christliche Ermutigungsformel, die man hin und wieder hört: In der Bibel soll 365 mal „Fürchte dich nicht“ stehen – für jeden Tag des Jahres einmal. So auch in dem Facebook-Meme von Tobymac, das unglaubliche 190.000 mal geteilt wurde. Aber stimmt das wirklich?

Das sollte man eigentlich mit einem Bibelprogramm nachprüfen können. Die Kunst dabei ist nur, richtig zu zählen. Denn leider hat der anonyme Urheber dieses Zitats (es war nicht TobyMac) nicht überliefert, mit welcher Methode er auf die Zahl kam.

Mit anderen Worten:

Welche Wendungen sollte ich zählen? Und in welcher Übersetzung? Oder sollte ich gleich in den Urtext schauen?

Probieren wir es einfach mal. weiterlesen

Museo_Correr_A_Dürer_Apocalypse

Titelbild: Albrecht Dürer, Der Erzengel Michael bekämpft den Drachen (1498)

Es gibt unter konservativen Christen solche, die sich immer dann zu Wort melden, wenn es in der Welt nicht gut läuft. Meinungsführer, die stets mahnen. Oder christliche Autoren, deren gesamtes Werk sich darauf beschränkt, sich von anderen (Gläubigen) abzugrenzen oder zu kritisieren. Meist geht es um die bedenkliche Entwicklung der Gesellschaft oder der Christenheit. Wörter wie „Abfall“, „Irrweg“ oder „Endzeit“ fehlen in kaum einem Buch, keiner Predigt.

Wer sich davon beeinflussen lässt, bekommt Angst vor „der Islamisierung“, dem sexuellen Wandel oder was auch immer die Landeskirchen gerade tun. In Deutschland gehören neben theologisch Andersdenkenden vor allem Linke, Grüne und der Papst zu den Lieblingsfeinden. Hier in den Vereinigten Staaten ist dieser Menschenschlag besonders paranoid. Man fürchtet sich vor Obama (Antichrist), den Vereinten Nationen oder dem Schreckgespenst Sozialismus. (Nicht alles typisch christlich, doch die Christen teilen sich viel mit ebenso paranoiden Republikanern. Im Hinterkopf behalten, ich komme gleich nochmal auf diese Mischung zurück.)

Aus diesen einschlägigen Kreisen schallt seit dem Urteil des Obersten US-Gerichtshofs vor allem das Begriffspaar „Homo-Ehe“ und „Endzeit“, auf beiden Seiten des Atlantik. Kaum einer hält Begründungen für nötig. Aber alle fürchten sich.

Ein Gastkommentar beim christlichen Medienmagazin pro vom Tag nach der Urteilsverkündung schlägt genau in diese Kerbe. Der Autor Dr. Uwe Siemon-Netto liefert ein Musterbeispiel dafür, warum Christen nur solchen Wortführern vertrauen sollten, die ihre Position auch mit guter Exegese begründen können. Der Artikel bei „pro“ erfüllt leider weder journalistische noch exegetische Ansprüche. Es ist erstaunlich, was da von einem erfahrenen Journalisten und promovierten Theologen (Wikipedia) zu lesen ist. Eine Twitter-Reaktion fiel sogar noch drastischer aus: weiterlesen

Frans_Floris_(Schule)_Bejubelung_Davids_nach_dem_Kampf_mit_Goliath_beitrag

Titelbild: Ein hingerissener (?) David wird von den jungen Damen bejubelt. Der Kopf des Riesen baumelt vergessen an seiner Hand.

Jedes Kind kennt die Geschichte von David und Goliat, wie der junge Hirte den gewaltigen Kämpfer mit einem Schuss seiner Schleuder erlegte und so das Heer der Philister besiegte. Das Auftreten des Riesen beschreibt die Bibel so:

Da kam ein Vorkämpfer aus dem Lager der Philister hervor. Sein Name [war] Goliat aus Gat. Seine Größe [war] sechs Ellen und eine Handspanne. (1Sam 17,4, eigene Übersetzung)

Sagte ich „Das Auftreten des Riesen“? Es stimmt schon, mit über sechs Ellen Größe ist Goliat über drei Meter groß und definitiv ein Riese. Aber „Riese“ wird der gewaltige Philister hier genau genommen gar nicht genannt. Die hebräische Bibel nennt den Giganten einen „Mann des Dazwischen“. Diese Bezeichnung benutzt die Bibel nur bei Goliat und nur hier, daher ist ihre Bedeutung unsicher. Die deutsche Übersetzung „Vorkämpfer“ schafft auch nicht gerade Klarheit. weiterlesen