Beitragsbild: Alpheios-Toolbar und Analysefenster auf bibelwissenschaft.de

Wer exegetisch forscht, muss gelegentlich griechische Quellentexte lesen. Und bevor jetzt jemand mit „Ja selbstverständlich!“ reagiert: Ich rede von Texten, die nicht zum Neuen Testament gehören. Es könnte der obskure antike Schriftsteller sein, der ein kompliziertes Wort benutzt, das im Neuen Testament nur ein paar Mal vorkommt. Oder man möchte im Original nachvollziehen, wie dieser oder jener Kirchenvater eine bestimmte Bibelstelle interpretiert hat. Die entsprechenden altgriechischen Quellen gibt es recht häufig im Internet zu finden.

Das Problem: Nicht jeder kann so gut Griechisch, dass er solche Texte ohne Hilfsmittel verstehen könnte. Oft ist man auch als ausgebildeter Exeget zumindest auf ein Wörterbuch angewiesen. Das Nachschlagen von Wörtern oder die Formenbestimmung erledigt für viele moderne Theologen normalerweise das professionelle Bibelprogramm. Bloß hilft das wenig, wenn man stattdessen mit digitalen Texten aus dem Netz arbeiten muss. Oder wenn man gar kein solches Bibelprogramm besitzt. weiterlesen

Es ist eine dieser biblischen Geschichten, die jeder kennt. Und die uns dennoch etwas lehren kann, das in unserer Zeit dringend gebraucht wird.

Ein Schriftgelehrter will von Jesus wissen, wie Nächstenliebe funktioniert. Der erzählt die berühmte Geschichte von einer grausamen Schandtat und einem hilflos zurückgelassenen Opfer, das dringend auf medizinische Versorgung angewiesen ist. Religiöse Vorbildfiguren kommen vorbei und trauen sich nicht zu helfen. Ausgerechnet einer, von dem niemand etwas Gutes erwarten würde, hilft dem Verletzten schließlich unter Einsatz seines Lebens.

Nächstenliebe!, mag man beim Lesen der Geschichte mit einem Seufzen denken: ein schönes Ideal! Das muss ich mir merken, falls ich mal in der U-Bahn oder am Straßenrand einen Verletzten sehe, um den sich keiner kümmert. Und mit einem schönen Gefühl im Bauch blättert man weiter. So ging es mir zumindest lange Zeit.

Doch wer bisher dachte, der barmherzige Samariter sei nicht mehr als eine nette Illustration der Nächstenliebe, der verpasst etwas ganz Wesentliches. weiterlesen

Es ist eine christliche Ermutigungsformel, die man hin und wieder hört: In der Bibel soll 365 mal „Fürchte dich nicht“ stehen – für jeden Tag des Jahres einmal. So auch in dem Facebook-Meme von Tobymac, das unglaubliche 190.000 mal geteilt wurde. Aber stimmt das wirklich?

Das sollte man eigentlich mit einem Bibelprogramm nachprüfen können. Die Kunst dabei ist nur, richtig zu zählen. Denn leider hat der anonyme Urheber dieses Zitats (es war nicht TobyMac) nicht überliefert, mit welcher Methode er auf die Zahl kam.

Mit anderen Worten:

Welche Wendungen sollte ich zählen? Und in welcher Übersetzung? Oder sollte ich gleich in den Urtext schauen?

Probieren wir es einfach mal. weiterlesen

Titelbild: Albrecht Dürer, Der Erzengel Michael bekämpft den Drachen (1498)

Es gibt unter konservativen Christen solche, die sich immer dann zu Wort melden, wenn es in der Welt nicht gut läuft. Meinungsführer, die stets mahnen. Oder christliche Autoren, deren gesamtes Werk sich darauf beschränkt, sich von anderen (Gläubigen) abzugrenzen oder zu kritisieren. Meist geht es um die bedenkliche Entwicklung der Gesellschaft oder der Christenheit. Wörter wie „Abfall“, „Irrweg“ oder „Endzeit“ fehlen in kaum einem Buch, keiner Predigt.

Wer sich davon beeinflussen lässt, bekommt Angst vor „der Islamisierung“, dem sexuellen Wandel oder was auch immer die Landeskirchen gerade tun. In Deutschland gehören neben theologisch Andersdenkenden vor allem Linke, Grüne und der Papst zu den Lieblingsfeinden. Hier in den Vereinigten Staaten ist dieser Menschenschlag besonders paranoid. Man fürchtet sich vor Obama (Antichrist), den Vereinten Nationen oder dem Schreckgespenst Sozialismus. (Nicht alles typisch christlich, doch die Christen teilen sich viel mit ebenso paranoiden Republikanern. Im Hinterkopf behalten, ich komme gleich nochmal auf diese Mischung zurück.)

Aus diesen einschlägigen Kreisen schallt seit dem Urteil des Obersten US-Gerichtshofs vor allem das Begriffspaar „Homo-Ehe“ und „Endzeit“, auf beiden Seiten des Atlantik. Kaum einer hält Begründungen für nötig. Aber alle fürchten sich.

Ein Gastkommentar beim christlichen Medienmagazin pro vom Tag nach der Urteilsverkündung schlägt genau in diese Kerbe. Der Autor Dr. Uwe Siemon-Netto liefert ein Musterbeispiel dafür, warum Christen nur solchen Wortführern vertrauen sollten, die ihre Position auch mit guter Exegese begründen können. Der Artikel bei „pro“ erfüllt leider weder journalistische noch exegetische Ansprüche. Es ist erstaunlich, was da von einem erfahrenen Journalisten und promovierten Theologen (Wikipedia) zu lesen ist. Eine Twitter-Reaktion fiel sogar noch drastischer aus: weiterlesen

Titelbild: Ein hingerissener (?) David wird von den jungen Damen bejubelt. Der Kopf des Riesen baumelt vergessen an seiner Hand.

Jedes Kind kennt die Geschichte von David und Goliat, wie der junge Hirte den gewaltigen Kämpfer mit einem Schuss seiner Schleuder erlegte und so das Heer der Philister besiegte. Das Auftreten des Riesen beschreibt die Bibel so:

Da kam ein Vorkämpfer aus dem Lager der Philister hervor. Sein Name [war] Goliat aus Gat. Seine Größe [war] sechs Ellen und eine Handspanne. (1Sam 17,4, eigene Übersetzung)

Sagte ich „Das Auftreten des Riesen“? Es stimmt schon, mit über sechs Ellen Größe ist Goliat über drei Meter groß und definitiv ein Riese. Aber „Riese“ wird der gewaltige Philister hier genau genommen gar nicht genannt. Die hebräische Bibel nennt den Giganten einen „Mann des Dazwischen“. Diese Bezeichnung benutzt die Bibel nur bei Goliat und nur hier, daher ist ihre Bedeutung unsicher. Die deutsche Übersetzung „Vorkämpfer“ schafft auch nicht gerade Klarheit. weiterlesen

Wie jeden Monat sammle ich die interessantesten Blogs und Artikel zur Bibel, die mir untergekommen sind. Viel Spaß beim Stöbern und Schmökern!

 

Deutsche Artikel

Kunigunde verfasst auf Κατὰ Μᾶρκον einen übersichtlichen Artikel zu dem rätselhaften Markus-Fragment aus dem 1. Jahrhundert: Ältester Papyrus des Markusevangeliums aus dem 1. Jahrhundert? (Siehe auch meinen eigenen Artikel.)

Michael Wolffsohn erklärt in der FAZ, warum die Zehn Gebote das Morden, nicht aber das Töten verbieten, und was das für unsere Ethik bedeutet. Insbesondere für Situationen wie den Kampf gegen den Islamischen Staat. Krieg und Terror: Du darfst töten in der Not

Philipp Keller setzt sich in einer kleinen Reihe mit Klaus Bergers umstrittenem Buch „Die Bibelfälscher“ auseinander.

Chris von Im Anfang war das Wort beobachtet am Anfang von 1. Samuel interessante Parallelen zwischen Hannas und Elis FamilieEine Geschichte zweier Familien (1. Teil) weiterlesen

Markus-Fragment

Titelbild: Nicht das Markus-Fragment, aber ebenfalls aus einer Mumienmaske stammt dieses Papyrus.

Viel wurde inzwischen geschrieben über ein mysteriöses Papyrusfragment des Markus-Evangeliums, das aus dem 1. Jahrhundert stammen soll. Anstatt die Geschichte zu wiederholen, soll dieser Post alle Informationen sammeln, die zu dem Markus-Fragment bekannt sind. Den Artikel möchte ich gerne auf dem neusten Stand halten und regelmäßig aktualisieren. Dabei freue ich mich auch auf Leser-Hinweise!

Von dem Phantom-Papyrus ist seit 2012 immer wieder die Rede, doch auf eine wissenschaftliche Analyse aus erster Hand oder verlässliche Fakten warten wir bis heute. Obwohl es für gewöhnlich als unmöglich gilt, eine antike Handschrift so genau zu datieren, sind sich die eingeweihten Experten sicher: Der Text auf dem Stück Papyrus wurde im 1. Jahrhundert, nach einigen Angaben um 80 oder 90 n. Chr. verfasst. Wenn das stimmt, hätten wir es mit einem Jahrhundertfund zu tun. Es wäre die älteste bekannte Abschrift des Neuen Testaments (s.a. mein erster kurzer Bericht) und ein höchst unwahrscheinlicher Fund. weiterlesen

In dieser Serie präsentiere ich euch jeden Monat die interessantesten Bibel-bezogenen Artikel aus dem Netz, die ich gefunden habe.

Die Nachricht des Monats

Was bisher für unmöglich gehalten wurde, könnte eintreten: Ein Papyrus-Fetzen aus dem Markus-Evangelium, der möglicherweise aus dem 1. Jahrhundert stammt, hat in den vergangenen Wochen Schlagzeilen gemacht. Hier ein englischer Bericht. UPDATE: Inzwischen erfahrt ihr auch hier alle Fakten zum Markus-Fragment.

Wenn die Berichte stimmen, wäre das eine echte Sensation. Die Bibel ist schon jetzt das bei weitem am besten erhaltene Werk der Antike. Die ältesten Zeugnisse stammen aus dem 2. oder 3. Jahrhundert. Von anderen Werken antiker Autoren haben wir oft nur Abschriften aus dem Mittelalter. weiterlesen

Schon Luther hat es erkannt: Wenn man bei möchte, dass die Leute eine Bibelübersetzung verstehen, muss man „dem Volk auf’s Maul schauen“ und darf eben nicht an jeder Stelle wörtlich übersetzen. Sprachen lassen sich nicht 1:1 übersetzen; die Bibel ist da keine Ausnahme. Ein Wortspiel, das ein Jude im 1. Jahrhundert verstanden hätte, das verstand ein deutscher Bauer im 16. Jahrhundert noch lange nicht.

Die anonymen Übersetzer des Alten Testaments in Griechische setzten andere Prioritäten. Die so genannte „Septuaginta“ entstand in den letzten Jahrhunderten vor Christus. Die Übersetzer wollten das Wort Gottes auf keinen Fall entstellen und bemühten sich um eine weitgehend „wörtliche“ Übersetzung. Heraus kam dann ein Griechisch, das eher Hebräisch klang. Es übertrug den hebräischen Satzbau direkt ins Griechische und verwendete griechische Verben so wie hebräische. Die Übersetzung war die einzige Möglichkeit für Griechisch sprechende Juden, die Hebräische Bibel zu lesen. Verständlich oder nicht, sie war ein so durchschlagender Erfolg, dass sie unter den frühen Christen Standard-Bibel war und an zahlreichen Stellen im Neuen Testament zitiert wird. Die Septuaginta war eine Übersetzung von Juden für Juden. Ich vermute allerdings, dass die Griechen darin eher einen weiteren Grund gefunden hätten, sich über dieses seltsame Volk zu amüsieren. Ein Volk mit nur einem Gott und merkwürdigen Bräuchen, da passte ein merkwürdiges religiöses Buch bestens, keine weiteren Fragen.

Offene Bibel und Luther: Es gibt Parallelen

Das Lächeln des Reformators: Die Offene Bibel ist gewissermaßen auf den Spuren Luthers (hier auf einem Gemälde von Lukas Cranach d. J., 1558)

Bis heute sind sich Übersetzer und Leser der Bibel nicht einig geworden, ob nun eine wörtliche oder eine auf Verständlichkeit ausgelegte Übersetzungsmethode besser ist. Das ist ja auch kein Wunder; beide Ansätze haben ihre Stärken – aber eben auch Schwächen. Keine Übersetzung kann zur gleichen Zeit völlig genau und optimal verständlich sein. Man kann entweder den Sinn des Textes möglichst getreu übertragen, oder seinen Wortlaut. Irgendwie unbefriedigend.

Aber muss man sich mit diesem Zustand zufrieden geben? Die Offene Bibel ist eine relativ neue deutsche Übersetzung, die sich nicht zufrieden gibt. weiterlesen

Diesen Monat halten wir es ein bisschen kürzer – dafür machen ein paar Weihnachts-Artikel den Anfang. Da die beiden Links Englisch sind, wollte ich nochmal kurz auf unsere beiden Weihnachts-Gastartikel verweisen, in denen mein guter Freund und neuer Mitblogger Mario erklärt, wie der Prophet Jesaja den Messias, den kommenden Retter, vorhersagt (Teil 1 und Teil 2).

 

Zu Weihnachten

Unter unsere Weihnachtsbäume stellen wir Deutschen traditionell gerne ein Krippenset. Mit Christkind, Eltern, Hirten, Tieren, Weisen, und das häufig in einem Stall. Dabei ist in der Bibel zwar von einer Krippe die Rede, aber nirgends von einem Stall. Doch was für ein Gebäude war es dann? Dieses englische Video erklärt, wie es möglicherweise in Wirklichkeit gewesen ist: weiterlesen