Altes Testament: Studie möchte Erkenntnisse zur Entstehungszeit liefern

Titelbild: Luftbild der Ausgrabungsstätte Tel Arad. Zu sehen ist auch die Ruine des antiken Militärstützpunkts

Israelische Wissenschaftler wollten in einer jetzt veröffentlichten Studie Erkenntnisse zur möglichen Entstehungszeit des Alten Testaments gewinnen. Dazu haben sie eine etwas überraschende Vorgehensweise gewählt: Ein Textcorpus aus der Zeit des ersten Tempels wurde einer Handschriftenanalyse unterzogen, um die Anzahl der nachweisbaren Autoren zu bestimmen. So wollte man sich ein Bild davon machen, wie es vor dem babylonischen Exil im Königreich Juda um die Bildung bestellt war – und wie wahrscheinlich es ist, dass in einem solchen Umfeld literarische Texte entstanden sein könnten.

Das gewählte Textmaterial ist in Form von 16 Ostraka erhalten. Das Ostrakon war so etwas wie der Schmierzettel der Antike. Es handelt sich um handliche Tonscherben, die als kostengünstiges Schreibmaterial herangezogen wurden – für Einkaufslisten oder Memos etwa (längere Texte waren seltener und wurden auf Papyrus oder Pergament festgehalten). Man schrieb den Text mit Tinte oder ritzte ihn ein. Die 16 Texte waren militärische Schreiben aus dem Königreich Juda. Sie stammen aus dem abgelegenen Stützpunkt Arad in der Wüste im Süden Judas und wurden auf ca. 600 v. Chr. datiert – also nur wenige Jahre vor dem Untergang Judas. Die Ostraka von Tel Arad und ihr Inhalt sind der Forschung übrigens schon länger bekannt (diese interessante englische Webseite scheint alle dort gefundenen Texte vorzustellen). Neu ist lediglich die Analyse der Handschriften.

Die Ostraka von Tel Arad umfassen Aufzeichnungen über Verpflegungskosten und Truppenbewegungen. Die an der Computeranalyse beteiligten Forscher der Uni Tel Aviv waren hauptsächlich Mathematiker und Physiker. Fachliche Unterstützung lieferte neben einem Experten für jüdische Geschichte der bekannte Archäologe Israel Finkelstein.

Das Ergebnis ist vielleicht interessanter als die daraus gezogenen Schlussfolgerungen.

Das Forschungsprojekt ermittelte mit Hilfe von neuen computerbasierten Methoden zur Bildanalyse und Handschriftenerkennung wenigstens sechs verschiedene Schreiber. Der Kommunikation lasse sich entnehmen, dass die schriftliche Kommunikation selbst für niedere militärische Ränge zum normalen Geschäft gehörte. Der formlose Tonfall schließe professionelle Schreiber aus. Auch einfache Leute, darunter der Gehilfe des Quartiermeisters, waren offenbar in der Lage, ohne zu viele Schreibfehler schriftlich zu kommunizieren.

Das ist kein selbstverständliches Ergebnis. Die Alphabetisierung in Juda war offenbar höher, als bislang angenommen. Bisher waren die Forscher davon ausgegangen, dass die schriftliche Kommunikation zur Zeit des geteilten Reichs in der Hauptsache von Schreibern abhing. Die neuen Erkenntnisse könnten auf die Existenz eines soliden Bildungswesens schließen lassen. Finkelstein wird mit der Schätzung zitiert: Von grob 100,000 Bewohnern des Südreichs Juda müssen zumindest einige Hundert des Schreibens mächtig gewesen sein. (Quelle)

So weit, so gut. Die entscheidende Frage ist aber: Wie aussagekräftig sind diese Ergebnisse hinsichtlich des möglichen Alters des Alten Testaments?

Hier mögen mich mitlesende Alttestamentler korrigieren. Soweit ich verstehe, gehen die universitäre Theologie so wie säkulare Archäologen und Historiker (darunter Finkelstein) im Allgemeinen davon aus, dass ein Großteil des Alten Testaments nicht vor der Zeit der Verbannung verfasst wurde. Viele Texte, die etwa prophetisch das Exil ankündigen, wären demnach erst in Babylon oder nach dem Exil entstanden. Dabei wird nicht selten argumentiert, dass es die Königreiche Israels nicht in der biblischen Form gegeben haben kann. Man beruft sich dabei auf die relativ spärlichen archäologischen Zeugnisse aus jener Zeit. Es gibt sogar Experten, so genannte “biblische Minimalisten”, die das gesamte AT für eine Erfindung aus der Perserzeit oder dem Hellenismus halten. Vertreter dieser These befinden sich allerdings schon seit längerem in der Defensive, da regelmäßig neue archäologische Indizien gefunden werden, die dafür sprechen, dass Israel in der Königszeit sehr gut in biblischer Form existiert haben könnte und weiter entwickelt war, als von ihnen zugestanden.

Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, warum die Forscher sich auf Zeugnisse aus der Zeit kurz vor dem Exil konzentrierten. Der Bildungsstand in Israel erreichte nämlich erst 400 Jahre später, in hellenistischer Zeit, wieder ein ähnliches Niveau. Wenn es nun schon vor dem Exil eine relativ hoch entwickelte Schreibkultur in Juda gab, dann untergräbt das die Plausibilität späterer Datierungen, auch des biblischen Minimalismus.

Die Studie hilft uns also nicht dabei, die Samuelbücher in die Zeit Samuels oder den Pentateuch in die Zeit Moses zu datieren. Die Forscher hatten schließlich auch kein apologetisches Anliegen. Man könnte aber sagen: Die Studie nimmt dem radikalen Minimalismus Nahrung und verleiht gemäßigteren Ansätzen mehr Gewicht. Die israelischen Forscher hatten dabei wohl in erster Linie Israel Finkelsteins Mittelposition im Sinn. Aber auch traditionelle Datierungen erhalten so noch etwas mehr Glaubwürdigkeit.

Die Ergebnisse der Studie sind, einen entsprechenden Hochschulzugang (oder etwas Kleingeld) vorausgesetzt, hier einsehbar. Die meisten von uns müssen da wohl leider draußen bleiben. Für uns gibt es immerhin eine Inhaltszusammenfassung.

 

Zum Weiterlesen:

Quellen für diesen Artikel: Offizielle Verlautbarung bei Aftau, NYTimes, Phys.org, Popular-archaeology.com.

Bildnachweis: Wikimedia Commons

4 Antworten auf „Altes Testament: Studie möchte Erkenntnisse zur Entstehungszeit liefern“

  1. Danke für den Beitrag! Ich finde ja den verlinkten Spiegel-Artikel lustig, der in der Überschrift eine Behauptung aufstellt, die sich so nun wirklich gar nicht halten lässt (und auch im dortigen Text nicht aufgelöst wird). Wenn ich es richtig sehe, verraten die Funde ja im Prinzip rein gar nichts über die Entstehung biblischer Texte, sondern lediglich über die Möglichkeiten der Entstehung, oder? Das finde ich doch einen wesentlichen Unterschied, zumal ja bei den Datierungsversuchen biblischer Texte auch inhaltliche und formale Aspekte eine Rolle spielen.

    Von daher: Danke für deinen ausgewogenen Beitrag, der das genau so auf den Punkt bringt: Entstehungstheorien müssen in der Hinsicht “entschärft” (oder besser: angepasst) werden, dass es durchaus schon vor der Exilszeit eine verbreitete “Schriftkultur” gab, die das Entstehen längerer Texte zugelassen hat.

  2. Danke für das Lob. Du hast das nochmal sehr schön zusammengefasst.
    Darf ich ganz ehrlich sein? Ich hatte auch schwer mit der Verlockung einer reißerischen Überschrift zu kämpfen…

  3. Wir arbeiten an der Uni Tübingen mit Ostraka und anderen Inschriften und vergleichen sie mit biblischen Texten.
    Allerdings machen wir das von Hand und haben keinen Algorithmus, aber wir nutzen Computer um die Texte zu vergleichen.
    Letzten Endes sind wir zu dem selben Ergebnis gekommen wie die Israelis.

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