Die Bibel sollte frei zugänglich sein, angefangen mit der Einheitsübersetzung

Dieses Jahr soll nicht nur eine Revision der Lutherbibel erscheinen, sondern auch eine der Einheitsübersetzung. Die Einheitsübersetzung ist die offizielle Bibelübersetzung der deutschen Katholiken und meiner Erfahrung nach eine relativ gelungene Mischung aus inhaltsgetreuer Wiedergabe ohne unnötige Freiheiten. Die Erstausgabe der ökumenischen Bibelübersetzung ist über 40 Jahre alt, die erste Revision (von 1979/80) nicht viel jünger.

Zu dieser Revision der Einheitsübersetzung kommt aus dem Netz ein interessanter Vorstoß: Eine Petition an die deutsche Bischofskonferenz will erreichen, dass der Bibeltext zum nichtkommerziellen Gebrauch uneingeschränkt freigegeben wird – die Einheitsübersetzung soll nach dem Willen der Unterzeichner Open Access werden.

Darum soll die Einheitsübersetzung Open Access werden

Der Initiator erklärt:

“Im 21. Jahrhundert findet schriftliche Kommunikation jedoch mehr und mehr über elektronische Medien statt. In dieser Situation ist eine Fokussierung auf die Verbreitung der Frohen Botschaft in Form eines Druckerzeugnisses (neben der mündlichen Verkündigung in Gottesdienst und Katechese) nicht nur unzeitgemäß, sondern ein Hindernis für die Erfüllung des Verkündigungsauftrags der Kirche.”

Aber was soll das genau bringen und wie soll das aussehen?

“Es geht nicht darum, dass die Einheitsübersetzung (wie schon jetzt) auf irgendeiner Website angezeigt und somit gelesen werden kann. Es geht vielmehr darum, dass es legal und ohne ausdrückliche oder gar umständliche Genehmigungen möglich sein muss, den revidierten Text wiederzugeben, zu verbreiten, in moderne Medien (Websites, Diskussionsforen, Apps und noch zu erfindende Anwendungen) einzubinden, Schüler und Katechumenen damit arbeiten zu lassen und so weiter. Die bisherige, ziemlich restriktive Handhabung behindert Kreativität und damit die Verbreitung der Botschaft, deren Verkündigung eigentlich eine Grundaufgabe der Kirche ist. Und sie ist auch medienethisch fragwürdig, weil sie in der Bewahrung und Verbreitung eines immateriellen Kulturguts auf Wege setzt, die der Marktwirtschaft begrenzter, materieller Ressourcen entnommen sind im digitalen Zeitalter nicht mehr angemessen sind.” (Quelle)

Open Access und der christliche Missionsauftrag

Meiner Ansicht nach verdient diese Petition unsere volle Unterstützung – ob wir nun Katholiken sind oder nicht. Die Bibel ist das wichtigste immaterielle Gut des Christentums. Es gehört zu den Idealen unseres Glaubens, die Bibel und ihre Botschaft so weit zu verbreiten wie nur irgend möglich. Zwar ist der urheberrechtliche Schutz der Bibel in vielen Fällen verständlich und auch nicht automatisch verwerflich. Dennoch steht er dem wichtigeren missionarischen Auftrag der Christenheit oft im Weg – und ermöglicht sogar Missbrauch.

Mehrere entsprechende Beispiele beschreibt ein lesenswerter Artikel der englischen Missionszeitschrift “Mission Frontiers”. Es fing an mit der Kirche des Mittelalters: Sie hielt Laien für ungeeignet, selbst in der Bibel zu lesen, und verwehrte dem Volk daher den Zugang zu Gottes Wort. Auch in der Gegenwart folgen viele Bibelgesellschaften und Verlage in erster Linie wirtschaftlichen Erwägungen – und stehen so oftmals, vorsätzlich oder nicht, der Verbreitung von Gottes Wort im Weg.

Eine einheimische Bibelgesellschaft weigert sich, Hörbücher der vorhandenen Bibelübersetzung für die unalphabetisierte Bevölkerung zu produzieren. Eine andere Bibelgesellschaft hält den Nachdruck von Übersetzungen für unrentabel, obwohl die Nachfrage vorhanden wäre. Wieder anderswo hält eine Bibelgesellschaft fertig gedruckte Exemplare zurück, um die Nachfrage und damit die Preise hochzutreiben. Daher formuliert die Zeitschrift ein leidenschaftliches Plädoyer für offen lizenzierte Bibelübersetzungen.

Solche Vorkommnisse mögen heute im deutschsprachigen Raum unvorstellbar sein. Dennoch sollten Kirchen das Anliegen zur Priorität machen, die Übersetzung und den Vertrieb von Bibeln freizumachen von einschränkenden wirtschaftlichen Mechanismen und den eigenmächtigen Erwägungen verantwortlicher Organisationen. Eine Bibelübersetzung wie die Einheitsübersetzung frei zugänglich zu machen, wäre ein wichtiges Signal aus der ersten Welt. Würden andere Organisationen diesem Vorbild folgen, ließen sich solche Probleme verhindern.

Argumente für den urheberrechtlichen Schutz der Bibel

Es gibt letztlich zwei Gründe, eine Bibelübersetzung urheberrechtlich einzuschränken: Zum einen wirtschaftliche Gesichtspunkte, zum anderen das Anliegen, die Übersetzung vor unerwünschtem Gebrauch zu schützen.

Zum ersten Punkt gehören die erheblichen Unkosten für Übersetzung, Lektorat, Werbung, Druck und sonstige Unterhaltskosten der Verlage. Zudem wollen die Verlage natürlich vermeiden, dass andere den von ihnen gebackenen Kuchen einfach weiterverkaufen. Zum zweiten Punkt gehört einerseits die Angst vor arglistiger oder unerwünschter Verfälschung des Bibeltexts. Andererseits aber auch die fatale historische Vorstellung, dass die Bibel nicht in die Hände bestimmter Leute gehöre.

Dabei halten diese beiden Argumente für einen urheberrechtlichen Schutz der Bibel einer genaueren Prüfung nicht stand. Die wirtschaftlichen Gesichtspunkte der Bibelverlegung ließen sich von großen christlichen Organisationen leicht umgehen. Die Schatzkammern der katholischen Kirche sind sicherlich nicht von den Verkaufserlösen der Einheitsübersetzung abhängig. Und Bibelübersetzungsorganisationen wie Wycliffe arbeiten schon jetzt ohne Geschäftsinteresse. Viele der letztlich spendenfinanzierten Übersetzungen werden dann auch unter freien Lizenzen ins Netz gestellt.

Bliebe noch das Argument, die Bibel vor Missbrauch schützen zu wollen. Dass der Urheberrechtsschutz die Bibel vor Verfälschung schützt, ist ein Mythos. Es gab tatsächlich mal eine Zeit, als ein Großteil der christlichen Lehre mündlich vermittelt wurde, Bibelabschriften selten und kostbar waren und von verfälschten Bibeltexten tatsächlich geistliche Gefahren für die Christenheit ausgingen. Aber wir sind doch nicht mehr im 2. Jahrhundert nach Christus!

Heute kursieren im Internet doch genug Bibeltexte – gemeinfreie, unabhängige, aber auch aktuelle, die noch urheberrechtlich geschützt sind. Da wäre ein Verfälschen ohne Weiteres möglich. Aber dass jemand das auch getan und damit geistlichen Schaden angerichtet hätte, habe ich noch nie gehört. Überhaupt, es darf doch jeder über die Bibel behaupten, was er will – auch das kontrolliert niemand (mehr, zum Glück!). Muss ich für meine abenteuerlichen Thesen über die Bibel dann wirklich einen verfälschten Text in Umlauf bringen? Was würde ich mit dem Aufwand erreichen, wenn ich mit einer Webseite dasselbe hinbekomme? Ohnehin ließe sich bei einem urheberrechtlich geschützten Text ja genau genommen nur die Verbreitung verhindern, nicht aber die Verfälschung selbst – und auch das nur in begrenztem Umfang, der dunklen Kanälen des Internets wegen.

Als höchstes Gut der Christenheit gehört die Bibel nicht einer Kirche oder Bibelgesellschaft

Nun sind wir im deutschsprachigen Raum nicht gerade darauf angewiesen, dass die Bibel in freiem Umlauf wäre. Aber vielleicht ist das eine falsche Denkweise. Wenn die Bibel wirklich so ein wertvolles Gut ist, warum bestehen wir überhaupt darauf, sie geschäftsmäßig zu vertreiben?

Ich denke da an die deutschen Gesetze, die allesamt gemeinfrei sind, und zwar vor einem vergleichbaren Hintergrund. Der Staat verfolgt damit die Absicht, die Verbreitung der Gesetze in keiner Weise einzuschränken. Das hat natürlich zunächst ganz praktische Gründe. Aber es entspringt sicher auch dem Gedanken, dass die Gesetze eine so hohe Bedeutung für eine funktionierende Gesellschaft haben, dass sie dem Gemeinwesen gehören, dessen Wohl sie dienen.

Doch um einem offensichtlichen Einwand vorzugreifen: Es gehört natürlich auch zur Wahrheit, dass der deutsche Christ von der geschäftsmäßigen Vermarktung der Bibel profitiert. Wir hätten wohl nicht ansatzweise so viele Übersetzungen, wenn es sich für die Verlage nicht auch rentieren würde, neue Übersetzungen zu produzieren. Und die Erlöse versetzen die Organisationen wiederum in die Lage, neue Projekte zu finanzieren. Also habe ich auch Verständnis dafür, dass ein christlicher Verlag Geld für seine Gute Nachricht oder Hoffnung für Alle verlangt.

Aber die Luther-Bibel? Oder die Einheitsübersetzung? Müssen die großen Kirchen da wirklich wie gewinnorientierte Verlage arbeiten? Oder sollten diese Übersetzungen nicht tatsächlich für Christen einen ähnlichen Stellenwert haben wie die deutschen Gesetze für unsere Gesellschaft?

Ich freue mich dazu über eure Kommentare und Gedanken.

 

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Bildnachweis: taytomFFM, Heilige Schrift via photopin (CC BY-NC-SA 2.0 Lizenz)

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