Es ist eine dieser biblischen Geschichten, die jeder kennt. Und die uns dennoch etwas lehren kann, das in unserer Zeit dringend gebraucht wird.

Ein Schriftgelehrter will von Jesus wissen, wie Nächstenliebe funktioniert. Der erzählt die berühmte Geschichte von einer grausamen Schandtat und einem hilflos zurückgelassenen Opfer, das dringend auf medizinische Versorgung angewiesen ist. Religiöse Vorbildfiguren kommen vorbei und trauen sich nicht zu helfen. Ausgerechnet einer, von dem niemand etwas Gutes erwarten würde, hilft dem Verletzten schließlich unter Einsatz seines Lebens.

Nächstenliebe!, mag man beim Lesen der Geschichte mit einem Seufzen denken: ein schönes Ideal! Das muss ich mir merken, falls ich mal in der U-Bahn oder am Straßenrand einen Verletzten sehe, um den sich keiner kümmert. Und mit einem schönen Gefühl im Bauch blättert man weiter. So ging es mir zumindest lange Zeit.

Doch wer bisher dachte, der barmherzige Samariter sei nicht mehr als eine nette Illustration der Nächstenliebe, der verpasst etwas ganz Wesentliches. weiterlesen

Titelbild: Albrecht Dürer, Der Erzengel Michael bekämpft den Drachen (1498)

Es gibt unter konservativen Christen solche, die sich immer dann zu Wort melden, wenn es in der Welt nicht gut läuft. Meinungsführer, die stets mahnen. Oder christliche Autoren, deren gesamtes Werk sich darauf beschränkt, sich von anderen (Gläubigen) abzugrenzen oder zu kritisieren. Meist geht es um die bedenkliche Entwicklung der Gesellschaft oder der Christenheit. Wörter wie „Abfall“, „Irrweg“ oder „Endzeit“ fehlen in kaum einem Buch, keiner Predigt.

Wer sich davon beeinflussen lässt, bekommt Angst vor „der Islamisierung“, dem sexuellen Wandel oder was auch immer die Landeskirchen gerade tun. In Deutschland gehören neben theologisch Andersdenkenden vor allem Linke, Grüne und der Papst zu den Lieblingsfeinden. Hier in den Vereinigten Staaten ist dieser Menschenschlag besonders paranoid. Man fürchtet sich vor Obama (Antichrist), den Vereinten Nationen oder dem Schreckgespenst Sozialismus. (Nicht alles typisch christlich, doch die Christen teilen sich viel mit ebenso paranoiden Republikanern. Im Hinterkopf behalten, ich komme gleich nochmal auf diese Mischung zurück.)

Aus diesen einschlägigen Kreisen schallt seit dem Urteil des Obersten US-Gerichtshofs vor allem das Begriffspaar „Homo-Ehe“ und „Endzeit“, auf beiden Seiten des Atlantik. Kaum einer hält Begründungen für nötig. Aber alle fürchten sich.

Ein Gastkommentar beim christlichen Medienmagazin pro vom Tag nach der Urteilsverkündung schlägt genau in diese Kerbe. Der Autor Dr. Uwe Siemon-Netto liefert ein Musterbeispiel dafür, warum Christen nur solchen Wortführern vertrauen sollten, die ihre Position auch mit guter Exegese begründen können. Der Artikel bei „pro“ erfüllt leider weder journalistische noch exegetische Ansprüche. Es ist erstaunlich, was da von einem erfahrenen Journalisten und promovierten Theologen (Wikipedia) zu lesen ist. Eine Twitter-Reaktion fiel sogar noch drastischer aus: weiterlesen