Die Verfasser der Evangelien: Wie die Evangelienüberschriften verbreitete Thesen in Frage stellen

Titelbild: Die Kanontafel von Eusebius (hier in einem schön illustrierten Buch aus dem Mittelalter) führt die Evangelien unter den traditionellen Verfassernamen.

Dass die eigentlichen Urheber unserer Evangelien heute nicht mehr auszumachen sind, ist in der modernen Evangelienforschung weiterhin eine häufig vertretene Annahme. Nicht einmal die Bibel selbst scheint uns ja wirklich verraten zu wollen, wer die Evangelien geschrieben hat. Zwar beginnt jedes der vier Bücher auch im Griechischen mit einer Überschrift, die den Namen des Verfassers enthalten soll: “(Evangelium) nach Markus”, usw. Aber viele Forscher nehmen an, dass diese Angaben erst später ergänzt wurden, um diese Berichte von Jesus als besonders zuverlässig darzustellen. Kein Wunder, denn Matthäus, Johannes Markus, Lukas und Johannes waren in der frühen Kirche angesehene Männer, deren Wort Gewicht hatte.

Ein verbreitetes Erklärungsmodell

Diese Erklärung klingt vielleicht erst einmal weit hergeholt, lässt sich aber ganz gut begründen. Es ist nämlich bekannt, dass in der Antike etliche Werke zunächst ohne Titel in Umlauf waren. Feste Bezeichnungen entwickelten sich für diese Bücher erst mit zunehmender Bekanntheit. Irgendwann setzten sich diese Bezeichnungen dann als Titel durch. So berichtet der Arzt Galen, seine zunächst nur privat und ohne Überschrift verbreiteten Schriften hätten später je nach Situation unterschiedliche Titel erhalten.¹ Einige biblische Bücher oder Werke Platos sind ebenfalls unter verschiedenen Namen überliefert.²

Die Überlieferung der Überschriften in den noch bekannten Handschriften des NTs scheint das zu unterstützen. In zwei der ältesten Codices (=Handschriften in Gestalt heutiger Bücher) des Neuen Testaments aus dem 4. Jahrhundert ist noch erkennbar, dass die Evangelienüberschriften von einem Korrektor ergänzt wurden.

Dass die Evangelientexte selber keine weiteren Hinweise auf ihre Autoren enthalten, könnte man als weiteres Indiz gegen die Verfasserangaben werten. Es scheint, als hätten die Evangelisten die Bücher nach dem Vorbild der meisten alttestamentlichen Schriften absichtlich anonym abgefasst.

Diese Hinweise lassen die Schlussfolgerung zu, dass es den Evangelien ganz ähnlich ergangen sein könnte. Zunächst anonym veröffentlicht, schrieb man sie im Laufe der Zeit den überlieferten Verfassern zu. Die vier Männer galten als Garanten der Lehre der Apostel, die das Leben Jesu aus erster oder zweiter Hand kannten.

Von den antiken Überschriften abgesehen, wissen wir schließlich nur aus der kirchlichen Tradition von den angeblichen Verfassern. Und diese Tradition wurde erst einige Jahrhunderte später durch Kirchenväter wie Eusebius schriftlich festgehalten. Der zitiert ein Schreiben des Bischofs Papias von Hierapolis (2. Jh.), der aus sicherer Quelle etwa Johannes Markus als den Verfasser des Markusevangeliums zu kennen glaubte. Ein eher dünnes Fundament, gäbe es nicht die biblischen Überschriften.

Welchen Schluss die Überschriften zulassen

Denn die Aussagekraft dieser Überschriften hat die Forschung lange vernachlässigt.

Der angesehende Neutestamentler Martin Hengel (gest. 2009) hat schon 1981 Überlegungen veröffentlicht, die das beschriebene Modell kippen könnten. Zumindest mir war seine Forschung zum Thema unbekannt, bis ich vor einem halben Jahr die Einleitung des Markus-Kommentars von Adela Yarbro Collins las. Die katholische Yale-Professorin ist Expertin für apokalyptische Texte, hat viel zur Offenbarung geforscht. Als Professorin an einer liberalen Uni und Autorin in einer ebensolchen Kommentar-Reihe sollte sie konservativer Anwandlungen unverdächtig sein. In ihrem Markuskommentar zieht sie allerdings gerne angenehm zurückhaltende Schlussfolgerungen.

Unter Berufung auf Hengel bricht Collins im Fall des Markusevangeliums eine Lanze dafür, dass sein Verfasser möglicherweise doch der aus der Bibel bekannte Johannes Markus ist.

Hengel hat gleich mehrere Faktoren beobachtet, die dagegen sprechen, dass die Evangelienüberschriften sekundär sind. Da wäre zunächst die Beobachtung, dass die Evangelien auch in den ältesten erhaltenen Abschriften mit demselben Titel erhalten sind, nämlich “Evangelium nach Markus” usw. (in einigen Fällen abgekürzt zu “Nach Markus” usw.). Das weist darauf hin, dass diese Überschriften sehr früh etabliert waren, vielleicht von Anfang an dazugehörten.² Entweder bekamen alle vier relativ gleichzeitig früh zusammen passende Titel. Oder es kam (schon bei den Autoren?) das Bedürfnis auf, die Evangelien in die Reihe der schon bestehenden einzuordnen.

(Bild-Verweis: Die Evangelienüberschriften im Codex Sinaiticus, nebeneinandergestellt in einer Faksimile-Ausgabe. Hier kann man im Codex blättern.)

Die Überschriften entsprechen zudem nicht dem damals üblichen Bezeichnungsmuster. Bei anderen antiken Werken fielen die Titel eher zweckmäßig aus. Immer ging im Griechischen dem eigentlichen Titel der Name des Verfassers im Genitiv voraus, egal ob der Titel vom Verfasser stammte oder später entstand.³ Dass sich bei den Evangelien zu keiner Zeit Überschriften nach dem üblichen Schema entwickelten, weist auf bewusst gewählte und früh überlieferte Titel hin.

Und schließlich geht aus der Überlieferungsgeschichte der Bibel eben nicht zweifelsfrei hervor, dass die Überschriften später entstanden sind. Es sind eben nur die beiden prominenten Codices aus dem 4. Jahrhundert (nämlich Sinaiticus und Vaticanus), in denen die Evangelienüberschriften offenbar aus zweiter Hand stammen. Viel schwerer sollte jedoch wiegen, dass die Überschriften in keiner erhaltenen Abschrift fehlen.

Fazit: Sind die Überschriften echt, stimmen wohl auch die Verfasserangaben

Hengels Argumentation ist nicht unumstritten, aber hat große Anziehungskraft. Wenn die vier Evangelien wirklich von Anfang an (zumindest: sehr früh) Überschriften mit Verfasserangaben enthielten, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass diese Angaben falsch sind. Unabhängig davon ist es schön, auch mal in einer als eher liberal bekannten Kommentar-Reihe wie Hermeneia eine Stimme wie die von Collins’ Markuskommentar zu hören, die die traditionellen Verfasser für die plausibelsten hält.

Manche gehen übrigens davon aus, dass sowohl der Begriff “Evangelium” als literarische Bezeichnung, als auch das Schema der Evangelienüberschriften auf den Evangelisten Markus zurückgehen. Dessen Buch beginnt mit den Worten “Beginn des Evangeliums Jesu Christi…”. Klar, dass der Verfasser sein Buch dann nicht nach griechischer Konvention “Evangelium des Markus” nennen kann.

In einem Folge-Post werde ich darauf eingehen, wie plausibel die traditionellen Verfasser aus historischer Sicht sind. Bis dahin freue ich mich über jede Art von Kommentaren oder Empfehlungen.

 

 

Quellen:

  • Adela Yarbro Collins. Mark: A Commentary (Hermeneia). Minneapolis, 2007.
  • Martin Hengel. Die vier Evangelien und das eine Evangelium von Jesus Christus: Studien zu ihrer Sammlung und Entstehung. Tübingen, 2008. (bei Google Books)

¹ Adela Yarbro Collins, Mark, 2-3.
² Hengel, Die vier Evangelien, S. 88-90.
³ Hengel, Die vier Evangelien, S. 88.

Bildnachweis: “Fol. 10v-11r Egmond Gospels” by Franco-Saxon illuminator – Koninklijke Bibliotheek Website. Licensed under Public domain via Wikimedia Commons.

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