“Evangelium der Frau Jesu”: Wie investigativer Journalismus die Fälschung bestätigte

Einmal mehr, möchte man der Überschrift hinzufügen. Denn nach der Veröffentlichung des sensationellen Fragments im Jahr 2012 hatten bloggende Theologen das “Evangelium der Frau Jesu” innerhalb weniger Tage als Fälschung bloßgestellt. Dass der Text einen auffälligen Schreibfehler aus einer Online-Ausgabe des Thomas-Evangeliums enthielt, überzeugte die allermeisten Fachleute. Nur die Massenmedien ließen sich dazu hinreißen, auf die vermeintliche Sensation hereinzufallen. Und ihr natürlich einen ganz anderen historischen Stellenwert zuzuschreiben, als sie in Wirklichkeit aufweist. Es wäre der erste antike Text, in dem erwähnt wird, dass Jesus verheiratet gewesen sein könnte.

Auch Karen King ließ sich nicht beeindrucken, die Patin des “Evangeliums der Frau Jesu”. Erste wissenschaftliche Tests schienen ihr Recht zu geben: Das verwendete Papyrus erwies sich tatsächlich als antik. Auch die Tinte wies keine offensichtlich modernen Materialien auf. Die Möglichkeit einer geschickten Fälschung ließ sich dadurch freilich noch nicht ausschließen. Die Medien berichteten dennoch schon, das “Evangelium der Frau Jesu” sei echt. Auch Prof. King erschien es zu unplausibel, dass ein hypothetischer Fälscher von solcher Geschicklichkeit sich einen so groben Schnitzer wie einen kopierten Schreibfehler leisten würde. Die Harvard-Professorin war fest davon überzeugt, dass letztlich nur weitere wissenschaftliche Tests den Ausschlag zu einem Urteil darüber geben dürften, ob der Fund gefälscht war.

Trotz großer Skepsis an dem Fund aus weiten Teilen der Wissenschaft widmete die Fachzeitschrift “Harvard Theological Review” 2014 dem “Evangelium der Frau Jesu” und seiner Erforschung eine ganze Ausgabe. Darin kam nur ein Skeptiker zu Wort. Doch im Juli 2015 bestätigte eine Ausgabe des Journals “New Testament Studies” erneut, dass das Papyrusfragment wahrscheinlich eine moderne Fälschung ist – sämtliche darin zu Wort kommenden Experten vertraten diese Ansicht.

Erst jetzt, dreieinhalb Jahre nach der öffentlichen Vorstellung des Texts, ist einem investigativen Journalisten gelungen, was skeptische  Fachkollegen nicht geschafft hatten: Prof. King zu der Einsicht zu bewegen, dass das “Evangelium der Frau Jesu” wohl gefälscht ist.

Der amerikanische Journalist Ariel Sabar hatte King schon im Jahr 2012 bei der Enthüllung des koptischen Textschnipsels mit dem albernen Namen begleitet. Mehrere Jahre später machte er sich daran, der Herkunft des “Evangeliums der Frau Jesu” nachzuspüren.

“With King and her critics at loggerheads, each insisting on the primacy of their evidence, I wondered why no one had conducted a different sort of test: a thorough vetting of the papyrus’s chain of ownership.” — Ariel Sabar, The Unbelievable Tale of Jesus’s Wife

Und so kam es, dass Sabar in mühsamer Detektivarbeit nicht nur den bisher anonymen Besitzer ausfindig machte, einen Deutschen namens Walter Fritz. Er ermittelte auch, dass dessen Angaben zur Herkunft des Papyrus nicht stimmen konnten – und dass er sowohl die Fähigkeiten als auch geeignete Motive mitbrachte, um ein “Evangelium der Frau Jesu” zu fälschen. Seine Ergebnisse hat er in einem langen und inzwischen viralen Artikel für den “Atlantic” festgehalten: The Unbelievable Tale of Jesus’s Wife.

Die Biographie des windigen Geschäftsmanns Walter Fritz ist abenteuerlich. Nach einem abgebrochenen Ägyptologiestudium in Berlin und einem sehr kurzen Intermezzo als akademischer Leiter des ehemaligen Stasi-Hauptquartiers suchte Fritz sein Glück als Geschäftsmann. In den 1990er Jahren wanderte er nach Florida aus. Dort versuchte er sich als Antiquitätenhändler (in Broschüren aus jener Zeit fallen weitere zwielichtige Papyri auf) sowie als Produzent von Autoteilen und Pornographie.

Sabar charakterisiert diesen Walter Fritz als einen unsteten Menschen, getrieben von Karriere- und Anerkennungshunger. Ein Mann, dessen Charakter so fragwürdig ist wie seine akademische Karriere; der vor schmutzigen Mitteln nicht zurückschreckt.

Doch auf Anfrage leugnet Fritz zunächst, mit dem Papyrus in Verbindung zu stehen. Erst als der Journalist ihn mit seinen Erkenntnissen konfrontiert, öffnet er sich – und versichert, das Papyrus nicht selbst gefälscht zu haben. Doch die Geschichte, die er zu dessen Herkunft liefert, steckt voller Löcher. (Ein nettes Detail: Rechtschreibfehler und Ungereimtheiten wie im “Evangelium der Frau Jesu” finden sich auch Dokumenten, die dessen vermeintliche Herkunft belegen sollen.) Es sind diese klaffenden Löcher, die schließlich den Ausschlag geben: Karen King gesteht ein, dass das Papyrus wohl gefälscht ist. Fritz habe sie darüber und auch über seinen persönlichen Hintergrund belogen.

Zwar kann auch Ariel Sabar keine handfesten Beweise für die Fälschung des “Evangeliums von Jesu Frau” vorlegen. Dennoch machen seine Nachforschungen klar, dass die frühe Skepsis der Fachwelt berechtigt war. Es gäbe schließlich keinen plausiblen Grund, für ein echtes Papyrus eine falsche Herkunftsgeschichte zu erfinden.

Fritz weist zudem alle Fertigkeiten auf, die der gewiefte Fälscher gebraucht hätte: Im Studium der Ägyptologie hat er Koptisch gelernt, allerdings nicht besonders gut. Dabei hat er sich auch mit antiken Textzeugnissen vertraut gemacht. Zudem ist Fritz als Zeichner aufgefallen. Und Sabar fügt ein weiteres pikantes Detail in das sich langsam ergebende Bild ein: Karen King hatte ja mit dem Argument an der Echtheit festgehalten, dass einem so geschickten Fälscher kaum ein so schlampiger Abschreibfehler unterlaufen würde. Doch es passt genau zu Fritz, dass er sich mit seinem (niemals herausragenden und inzwischen besonders rostigen) Koptisch einen solchen Schnitzer geleistet hätte. Die Puzzleteile passen einfach zu gut zusammen.

Was könnte den deutschen Auswanderer zu einer solchen Tat getrieben haben? Sabar arbeitet mehrere mögliche Motive heraus: Da wäre Geldknappheit. Möglicherweise akademisches Geltungsbedürfnis. Oder auch das Sendungsbewusstsein eines gescheiterten Altertumswissenschaftlers mit einer Drei-Groschen-Theologie, die große Ähnlichkeiten mit Dan Browns “Da Vinci Code” aufweist.

Es passt jedenfalls ganz wunderbar ins Bild, dass Fritz bei seiner Fälschung über etwas so Triviales wie einen kopierten Rechtschreibfehler gestolpert ist.

 

Zum Weiterlesen:

Bildnachweis: Wikimedia Commons. „Gospel of Jesus‘ Wife“ von Unbekannt, Quelle http://www.abc.es/20120919/sociedad/abci-jesucristo-papiro-casado-201209191002.html. Nach Wikimedia-Angaben gemeinfrei.

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