Goliat, Riese und “Mann-des-Dazwischen”

Titelbild: Ein hingerissener (?) David wird von den jungen Damen bejubelt. Der Kopf des Riesen baumelt vergessen an seiner Hand.

Jedes Kind kennt die Geschichte von David und Goliat, wie der junge Hirte den gewaltigen Kämpfer mit einem Schuss seiner Schleuder erlegte und so das Heer der Philister besiegte. Das Auftreten des Riesen beschreibt die Bibel so:

Da kam ein Vorkämpfer aus dem Lager der Philister hervor. Sein Name [war] Goliat aus Gat. Seine Größe [war] sechs Ellen und eine Handspanne. (1Sam 17,4, eigene Übersetzung)

Sagte ich “Das Auftreten des Riesen”? Es stimmt schon, mit über sechs Ellen Größe ist Goliat über drei Meter groß und definitiv ein Riese. Aber “Riese” wird der gewaltige Philister hier genau genommen gar nicht genannt. Die hebräische Bibel nennt den Giganten einen „Mann des Dazwischen“. Diese Bezeichnung benutzt die Bibel nur bei Goliat und nur hier, daher ist ihre Bedeutung unsicher. Die deutsche Übersetzung “Vorkämpfer” schafft auch nicht gerade Klarheit.

Eine recht plausible Erklärung dieses Titel ist, dass Goliat ein besonders starker Kämpfer war, der zwischen die feindlichen Heere trat. Er war ein Mann für die besonderen Momente, ein Veteran der Zweikämpfe, der sich mit dem besten Krieger des Feindes duellierte. Im Kampf Mann gegen Mann trug die Seite des Gewinners den Sieg davon. Goliat war also ein Spezialist für die Art von Entscheidungskampf, zu der er Israel herausforderte.

Aber weil diese Bedeutung nicht sicher ist, lässt sich das nur vermuten. Denn dass Goliat ein Zweikampfspezialist war, muss ja noch nicht heißen, dass dieser Titel auch genau das zum Ausdruck bringen soll (eben genauso wenig wie er “Riese” bedeutet).

Aufgrund einer recht ähnlichen Bezeichnung aus einer der Qumran-Schriften vermuten einige deshalb, Goliat würde in diesem Vers einfach “Fußsoldat” genannt. (Die Septuaginta kann an dieser Stelle übrigens nicht helfen. Die einflussreiche altgriechische Übersetzung beschreibt Goliat als “mächtigen/starken Mann”.)

Die Lutherbibel übersetzt den Begriff zwar leider mit “Riese”, gibt aber in einer Fußnote wenigstens eine alternative Übersetzung an, die sie seltsamerweise als “wörtlich” bezeichnet: “Vorkämpfer zwischen den Fronten”, was gar keine wörtliche Übersetzung ist. Die meisten anderen deutschen Übersetzungen geben die Bezeichnung mit “Vorkämpfer” wieder, einige auch als “einzelner Krieger” (GNB, NLB) oder “einzelner Soldat” (HfA), was ich recht gelungen finde. “Einzelkämpfer” (Zürcher) klingt dagegen für heutige Ohren ebenso irreführend wie Luthers “Riese”.

Nach dieser Infografik war Goliat noch ein Stück größer als der größte Mensch, der je gelebt hat.
Nach dieser Infografik war Goliat noch ein Stück größer als der größte Mensch, der je gelebt hat.

Quellen:

  • T. Li. Goliath (in: Dictionary of the Old Testament: Historical Books. Downers Grove, 2005), 356-59.
  • Roger Omanson/John Ellington. A Handbook on the First Book of Samuel (UBS Handbook Series). New York, 2001.
  • Robert Bergen. 1, 2 Samuel (New American Commentary). Nashville, 1996.

Bildnachweis: Titelbild von Schule des Frans Floris (1519/1520–1570) [gemeinfrei], via Wikimedia Commons
Grafik “Goliath’s Height” von Faithlife, Inc. mit freundlicher Genehmigung.

12 Antworten auf „Goliat, Riese und “Mann-des-Dazwischen”“

  1. Natürlich könnte man mutmaßen, dass hinter dem “starken Mann” der LXX ein alternativer heb. Text steht, in dem isch gibbor stand, was für Krieger i.A. verwendet wurde. Auf welchen verwandten Begriff aus Qumran beziehst du dich denn?

  2. Da kommt erschwerend hinzu, dass in der LXX eine andere Version der Geschichte steht. Die Experten sind sich uneinig, welche ursprünglich ist oder woher der LXX-Text kommt. Dazu kommt, dass der MT in Samuel ohnehin die Tendenz zum schlechten Text hat. Da an Stellen, wo diese schlechte Qualität offensichtlich wird, die LXX häufig einen besseren Text zu erhalten scheint, könnte das die LXX-Lesart stärken.

    Andererseits – der rätselhafte Text ist definitiv schwieriger als der zu erwartende, der sich leicht so erklären lässt, dass ein Übersetzer mit dem hebräischen Text nichts anfangen konnte. Ich kenne diese Praxis schon von den Psalmen-Überschriften. Viele der darin enthaltenen Anweisungen waren den LXX-Übersetzern offenbar unverständlich, deshalb übersetzten sie teilweise nahe am Unsinn.

    Zu Qumran kann ich dir leider nicht mehr sagen. Einer meiner Kommentare (UBS Handbook) erwähnt lediglich, dass das ähnliche Wort in den Text “Infanterist” heißt.

  3. Warum eigentlich so kompliziert ? Das hebräische Wort בנים heisst einfach nur Söhne oder wörtlicher Abkömmlinge. Der Begriff wird nicht ausschließlich im im Sinne sozialer Strukturen benutzt. Hier meint es aber einen Abkömmling speziell des Kriegsheeres der Philister. Durch und durch ein Kriegsmann, zum Krieg geboren und heran gezogen. Die LXX ist mit “ανηρ δυνατος εκ της παραταξεως των αλλοφυλων ” doch ziemlich nah dran und überinterpretiert keineswegs.

    1. Danke für deinen Kommentar. Ein interessanter Einwand mit einem Vorschlag, den ich noch nicht kannte! Es stimmt, dass der Konsonantentext sich auch als “Söhne” (banim) lesen ließe, aber punktiert ist er בֵּנַ֫יִם, “dazwischen” (behnajim). Nach meinem Eindruck macht die Umpunktierung die Deutung aber auch nicht einfacher. Vielleicht deshalb habe ich in der Forschung niemanden gefunden, der das in Erwägung zieht. Und das würde auch heißen: Der Textbefund gibt es nicht her, und ich meine, dass der LXX-Text auch nicht besser dazu passt als zum hebräischen. Der LXX-Übersetzer scheint einfach sinngemäß übersetzt zu haben.

      Zudem wirkt es auf mich doch etwas dünn, aus “Mann der Söhne” (oder “Mann der Männer”, wobei ich die Bedeutung “Mann” nur im Constructus als “Mann/Leute von/des” in Erinnerung habe) einen “Kriegsmann” zu machen, da hätte man auch “isch gibbor” o.ä. schreiben können. Hast du denn eine Quelle oder Parallelstelle, die deinen Vorschlag erhärten kann?

  4. Ich wollte Goliat nicht als Sohn eines der Soldaten des Kriegsheeres hinstellen. Um diese Art Sohnschaft geht es nicht. In meinem Wörterbuch steht unter בן : Sohn (auch im weitesten Sinn); Ausdruck der Zugehörigkeit im weitesten Sinn – und unter dem Verb בנה = bauen (und Derivate), übertr. ein Kind erhalten, (in den Kindern) weiterleben.

    Ich erinnere mich an einen Vortrag, ich glaube von Roger Liebi, wo er es mit dem Beispiel eines Gebäudes erklärte, dass aus Grundlage (Fundament) und Stockwerke besteht, und die Stockwerke wären die Söhne der Grundlage. In der Regel sind die einzelnen Etagen räumlich gleich aufgeteilt.

    Es geht also um etwas, dass das voran Gegangene in dessen Form und Art fortsetzt um ein zusammenhängedes Gebilde zu ergeben.

    Der Schwerpunkt bei der Sohnschaft des Heeres wäre also charakterisiert durch ihre Merkmale als Soldat. Goliath war nur ein einer von vielen dieser Heeressöhne.

    1. Ich glaube, ich verstehe ein Stück weit, worauf du hinaus willst. Aber ich bin nicht sicher, ob “Sohn” sich hier so verstehen lässt. Man müsste hier ja “Mann der Söhne” übersetzen. Wo “ben” Zugehörigkeit ausdrückt, geht die Formulierung aber immer so: “Sohn von XY” (die messianischen Titel “Sohn Gottes” oder “Sohn Davids” sind typische Beispiele). Mit anderen Worten: Wir müssten nicht nur einen Singular erwarten, sondern auch, dass “Sohn” das Bezugswort und nicht der Genitiv ist. Zudem besteht das Problem, dass man den Urtext umpunktieren müsste. Das ist tatsächlich manchmal sinnvoll, aber die meisten Theologen würden das nur in Fällen tun, wo die Sachlage eindeutig in diese Richtung weist.

      1. Wieso müsste man den Text umpunktieren ? Der Konsonantentext ist älter als das Vocalisationssystem der Masoreten und stellt lediglich eine nachträgliche theologische Interpretation dieser dar. Das kann also kein zwingendes Argument sein.

        1. Es ist kein zwingendes Argument, wie ich schon gesagt habe. Aber man will ja auch vermeiden, dass man den Text beliebig an die eigene Einschätzung anpasst, wie das noch im 20. Jh. in der atl. Exegese gang und gäbe war. Man will auf Vermutungen beruhende Emendationen auf jeden Fall vermeiden. Mit anderen Worten: Man will Fehler nur da verbessern, wo sie praktisch sicher nachgewiesen sind. Da unterscheidet sich der textkritische Umgang mit den Vokalen nicht wesentlich von den Konsonanten, auch wenn man sich bewusst ist, dass die Vokale sich auch einmal irren können. Und in diesem Fall fehlen mir die Argumente für die Umpunktierung.

  5. Ob man etwas beliebig anpasst oder nicht, kann nicht an einer bereits vorhandenen Interpretation gemessen werden, diese also stillschweigend als Maßstab hin nimmt. Ich argumentiere nicht für eine Umpunktierung. Die Punkte sind mir völlig egal, denn diese sind jüdisch-rabbinische Theologie und nicht christliche. Viele Argumente der bibelkritischen Universitäts-Theologie fußen auf dieser Theologie (nicht nur das Vocalisationssystem betreffend), entgegen dem christlichen Verständnis und zum Nachteil des AT.
    Wo nicht darüber hinaus gedacht werden kann, räum ich lieber das Feld.

    1. Das wäre mir neu, was du da über die massoretischen Vokale und die universitäre Theologie sagst. Hättest du dafür ein Beispiel?
      Aber unabhängig davon: Alle unsere hebräischen Bibelausgaben beruhen auf dem massoretischen Text samt massoretischen Vokalen. Das ist alles nachchristlich, aber man ist einerseits von der Arbeit der Massoreten beeindruckt, andererseits fehlen aus früheren Zeiten ganz einfach die textkritischen Zeugnisse. Ich hatte mit meinem Einwand der unbegründeten Veränderung tatsächlich eine Vorgehensweise der universitären Theologie im Sinn. Ich dürfte mich mit meiner Haltung aber auf einer Linie mit einem breiten Konsens von Auslegern aller Richtungen bewegen.
      Was ich freilich nicht meinte, ist dass man die Änderung der Vokale gar nicht als Lösung in Betracht ziehen kann. Man sollte es nur begründen können.

  6. Du sprichst immer von Veränderung. Wie sollte die Veränderung denn konkret aussehen ?

    Verändert wurde der Text bereits durch die Masoreten. Sowohl die Jesaja Rolle aus Qumran (http://dss.collections.imj.org.il/isaiah) als auch talmudische Texte (http://www.hebrewbooks.org/shas) haben keine Punkte. Ich bin also deswegen keineswegs in irgendeiner Erklärschuld. Die Kritik am masoretischen Vocalisiationssystem ist nicht neu, sondern Jahrhunderte alt (Elijah Levita).

    Und ich glaub du hast auch immer noch nicht verstanden wie ich übersetzten wollte. Also ich will übersetzen “איש הבנים ממחנות פלשתים” als “einer der Söhne des Heeres der Philister”. Der Schwerpunkt der Zugehörigkeit liegt hier auf “Söhne des Heeres” und nicht auf “einer der Söhne”. “Söhne des Heeres” ist die Einheit von der ein “Jemand” ( איש) mit Namen Goliath getrennt erwähnt erwähnt wird.

    הבנים (also mit Artikel) kommt 18 mal im AT vor. An 16 Stellen ausserhalb vom 1. Buch Samuel, und der Kontext ist ziemlich eindeutig : Söhne, Kinder

    Daneben gibt es aber auch ein Substantiv des Wortes “zwischen” (בין, kommt sogar in 1. Samuel 17,3 vor) und das lautet מבינים und meint Leute mit Unterscheidungsvermögen und nicht Leute die irgendwo zwischen sind oder gar gespaltene oder abgespaltene Personen.

    1. Was für eine schöne Diskussion! Ich meinte mit der Veränderung das Abweichen vom massoretischen Text. Es ist klar, dass der nicht perfekt ist (gerade in Samuel), aber es ist eine weitaus komplexere Frage, ob andere Quellen (grundsätzlich) besser sind. Ich denke da z.B. an die seit Qumran komplizierter gewordene textkritische Situation von Jeremia.

      Deinen Vorschlag hatte ich so tatsächlich nicht verstanden! Ich fand ihn gut und hätte ihn daher auch gleich in den Post mit aufgenommen, aber ich wollte doch nochmal herausfinden, ob wir nicht eine Kleinigkeit übersehen. Tatsächlich scheint diese Lesart, wenn ich dich (endlich!) richtig verstehe, 1) grammatisch sowie 2) textgeschichtlich unplausibel zu sein.

      1) Grammatisch: Ich würde hier einen dreifachen Constructus erwarten: “Mann/einer der (1). Söhne des (2.) Heeres der (3.)”. Stattdessen haben wir הבנים im Absolutus und das zusätzliche Mem, sodass es “einer der Söhne aus dem Heer” heißt. Das ist zumindest ungewöhnlich. Dazu kommt, dass der Leser wegen des Prädikats יצא durchaus eine Lokalangabe erwarten würde. Die natürlichste Lesart wäre in dem Fall dann aber doch, “aus dem Heer” als Lokalangabe zu verstehen. Anders wäre es, wenn du semantisch eindeutige Parallelfälle finden würdest.

      2) Textgeschichtlich: In der Septuaginta steht die wörtliche Übersetzung ἐξῆλθεν ἀνὴρ δυνατὸς ἐκ τῆς παρατάξεως, das macht deine Variante zwar auch nicht ganz unmöglich, aber spricht m.E. gegen sie. Gerade weil die Übersetzung wörtlich, d.h. Wort für Wort ist, ist klar zu erkennen, dass δυνατὸς dem hebräischen הַבֵּנַיִם entspricht. Eine wörtliche Übersetzung hätte einfach “Söhne” beibehalten können, und das tut die LXX in solchen Fällen meines Wissens auch generell. Also hat der Übersetzer seine Vorlage höchstwahrscheinlich so verstanden wie moderne Ausleger.
      Die Wörtlichkeit der LXX-Übersetzung schließt für mich übrigens auch das Argument aus, der LXX-Übersetzer hätte in seiner (ja möglicherweise auch hier vom MT abweichenden) Vorlage tatsächlich eine eindeutige Lesart “Söhne” stehen gehabt, die er sinngemäß übersetzt. Damit meine ich z.B. einen Text, dem zwei Mems fehlen, sodass die 3 Cs. da sind. Freilich könnte dort sehr wohl etwa גִּבֹּרִים, nicht הַבֵּנַיִם, für δυνατὸς gestanden haben.

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