Jeden griechischen Online-Text verstehen mit Alpheios

Beitragsbild: Alpheios-Toolbar und Analysefenster auf bibelwissenschaft.de

Wer exegetisch forscht, muss gelegentlich griechische Quellentexte lesen. Und bevor jetzt jemand mit “Ja selbstverständlich!” reagiert: Ich rede von Texten, die nicht zum Neuen Testament gehören. Es könnte der obskure antike Schriftsteller sein, der ein kompliziertes Wort benutzt, das im Neuen Testament nur ein paar Mal vorkommt. Oder man möchte im Original nachvollziehen, wie dieser oder jener Kirchenvater eine bestimmte Bibelstelle interpretiert hat. Die entsprechenden altgriechischen Quellen gibt es recht häufig im Internet zu finden.

Das Problem: Nicht jeder kann so gut Griechisch, dass er solche Texte ohne Hilfsmittel verstehen könnte. Oft ist man auch als ausgebildeter Exeget zumindest auf ein Wörterbuch angewiesen. Das Nachschlagen von Wörtern oder die Formenbestimmung erledigt für viele moderne Theologen normalerweise das professionelle Bibelprogramm. Bloß hilft das wenig, wenn man stattdessen mit digitalen Texten aus dem Netz arbeiten muss. Oder wenn man gar kein solches Bibelprogramm besitzt.

Alpheios-Fenster
Das Wortanalyse-Fenster enthält Links zu Wörterbüchern und Grammatiken

Hier hilft die Firefox-Erweiterung Alpheios (Open Source). Ähnlich wie in einem Bibelprogramm kann man damit zu jedem beliebigen Wort ein kleines Info-Fenster anzeigen lassen, das mittels verschiedener Online-Datenbanken eine Wortdefinition, Formenbestimmung und Links zu Online-Wörterbüchern liefert. Der unschätzbare Vorteil dieser Erweiterung ist, dass sie zu praktisch jedem beliebigem Text, der sich in Firefox darstellen lässt, eine interaktive Lesehilfe anbietet (der Text muss nur HTML sein).

Aktuell stehen drei verschiedene Griechischwörterbücher (darunter LSJ) und ein lateinisches zur Auswahl, die dem exegetisch interessierten, aber mittellosen Bibelforscher das Leben leichter machen. Zur Benutzung auf einer bestimmten Seite muss man Alpheios erst für diese Seite aktivieren. Dazu klickt man ganz links in der Toolbar auf “Alpheios” klicken und dort auf “Toggle Alpheios On”. In den Optionen kann man einstellen, ob jedes Wort unter dem Mauszeiger analysiert werden soll oder ob sich das Fenster erst bei Doppelklick auf ein Wort öffnet (Letzteres ist meine Empfehlung). Zudem lässt sich dort das griechische Standardwörterbuch auswählen.

alpheios toggle on
So aktiviert man Alpheios für eine bestimmte Seite

In der Toolbar kann man weiterhin eine einfache Grammatik öffnen, eigene Wortlisten verwalten oder Wörter per Eingabe direkt nachschlagen. Nur für akademische Zwecke interessant sind einige der erweiterten Funktionen, mit denen man unter anderem ein Text Wort für Wort mit seiner Übersetzung verknüpfen und solche Texte als Interlinearversionen lesen kann.

Dieses Video gibt eine Einführung:

Read Classical Greek with Alpheios from harry diakoff on Vimeo.

Für wen ist Alpheios interessant?

Allgemein für den Theologiestudenten oder exegetisch versierten Christen, der klassische Texte im Internet benutzt. Hilfreich sein kann es,

  • wenn man kein professionelles Bibelprogramm hat und Exegese mit Online-Werkzeugen macht.
  • wenn man einmal mit Online-Texten arbeiten muss, die das Bibelprogramm nicht abdeckt.
  • oder ganz einfach, wenn man Griechisch oder Latein (oder Arabisch oder Chinesisch) lernt und die Sprache mit Texten im Internet übt.

Anwendungsbeispiele:

  • Man möchte z.B. auf bibelwissenschaft.de mit einer wissenschaftlichen Ausgabe des Alten oder Neuen Testaments in Griechisch oder Latein arbeiten.
  • Vom Kirchenvater oder griechischen Dramatiker findet man zwar keine Ausgabe mit deutscher Übersetzung in der Uni-Bibliothek, dafür den griechischen Text bei Perseus oder auf einer anderen Webseite.
  • Man arbeitet mit dem Text spezifischer griechischer NT-Handschriften, z.B. im Manuscript Workspace.
  • Man benutzt aus Vorliebe oder für bestimmte Zwecke ein Online-Werkzeug, das nicht dieselben oder schlechtere Analyse-Funktionen hat. Beispiele: biblia.com, Lumina, Perseus

Das Ganze hat ein paar Einschränkungen, die manche davon abhalten werden, es zu benutzen:

  • Die Erweiterung gibt es bisher nur für Firefox (aber siehe unten!)
  • Das Programm und alle Funktionen sind nur auf Englisch verfügbar
  • Die sperrige Toolbar. Zum Glück kann man sie per Rechtsklick auf die Leiste ausblenden und dann per Rechtsklick z.B. auf die Tableiste (NICHT auf einen Tab) leicht wieder einblenden.
  • Die Bedienung ist an einigen Ecken etwas klobig. So ist der An-/Aus-Knopf schwer zu finden, Toolbar und Analyse-Fenstern ist ihr Alter anzumerken und es gibt keine Möglichkeit, die Sprache wenigstens der Benutzeroberfläche zu ändern.
Alpheios Latein
Alpheios mit dem lateinischen Text der Vulgata und Formentabelle

Mein Eindruck

Ich persönlich habe die Alpheios-Erweiterung zwar installiert, aber nur dann aktiviert, wenn ich sie brauche. Ich habe ja ein professionelles Bibelprogramm, mit dem ich die meisten relevanten Texte aufrufen und den Löwenanteil der Funktionen benutzen kann. Ich benutze die Funktion zu selten, um sie aktiviert zu lassen, und dafür ist mir die Toolbar auch zu sperrig (doch die kann man immerhin ausblenden).

Dennoch füllt Alpheios eine Nische. Ich kann mir gut vorstellen, dass Alpheios für den Theologiestudenten nützlich ist, der eine Exegese schreibt; für die Bibelübersetzerin oder den Zweite-Welt-Pastor, deren exegetische Hilfsmittel beschränkt sind; oder für den Laienprediger, der ohne exegetische Bibelsoftware gelegentlich tiefer im Text forschen will. Ich hätte es zum Beispiel bei meiner textkritischen Bachelor-Arbeit gut gebrauchen können (kannte es aber damals noch nicht).

Andererseits gibt es sicher auch viele, die nur am griechischen Bibeltext arbeiten wollen, ohne dass die verwendete Urtextausgabe eine Rolle spielt. Für diesen Fall gibt es Online-Bibelprogramme, die noch mehr können als Alpheios oder zumindest besser auf den Bibeltext zugeschnitten sind. Zum Lesen des griechischen oder hebräischen Bibeltexts mit Wortanalyse würde ich den BibleWebApp-Reader oder Tyndale STEP empfehlen, die allerdings auch nur englische Wortanalysen liefern.

Wer sich für die Alpheios-Toolbar interessiert, sollte einen Blick auf die zurzeit laufende Crowdfunding-Kampagne des Projekts werfen (bis Mitte Januar 2016). Deren Ziel ist es nicht nur, die nützliche Browser-Erweiterung auch für Chrome oder in anderen Sprachen anzubieten. Vor allem muss der Code dringend überholt werden, damit Alpheios mittelfristig überhaupt in Firefox benutzbar bleibt.

http://alpheios.net/

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