Das leistungsfähigste Bibelprogramm: Logos 6 erschienen

Am vergangenen Montag ist Logos 6, die neue Version von Logos Bibelsoftware erschienen. Warum schreibe ich das überhaupt?, werden manche fragen, die Logos noch nie ausprobiert haben. Es ist weniger die Tatsache, dass ich momentan selbst einen kleinen Beitrag zum Programm leiste, als dass ich mir Bibelarbeit und Exegese ohne Logos einfach nicht mehr vorstellen kann.

UPDATE: Im Dezember 2015 sind die ersten deutschen Basispakete (Webseite) veröffentlicht worden. Hier meine detaillierte Analyse.

Was ist das Besondere an Logos?

Ich bin ja schon kurz auf das Programm eingegangen. Logos Bibelsoftware 6 hat nicht nur ganz tolle Funktionen, um den Bibeltext ohne viel Aufwand zu erforschen, beispielsweise Wortstudien zu machen, Kommentare und Wörterbücher ganz einfach nachzuschlagen oder Übersetzungen miteinander oder dem Urtext zu vergleichen. Genauso spannend sind die Werkzeuge, die einem zu einer Bibelstelle beispielsweise Material für die Predigtvorbereitung zusammenstellen.

So sieht es aus, wenn ich mit Logos 6 das NT übersetze: Links ein Analyse-Werkzeug, mittig Tabs mit Kommentaren, rechts verschiedene Bibeltexte.

 

Relevante Kommentare und Anwendungsmaterial, Illustrationen, Präsentationsvorlagen und sogar Datenbanken mit den Predigten bekannter Prediger stellt einem das Programm zu jeder beliebigen Bibelstelle recht übersichtlich zusammen. Für die private Erforschung der Bibel oder das Theologiestudium bietet das Programm Zeitleisten, Infografiken, einen Atlas, Bilder archäologischer Funde und spürt auch gleich thematische Parallelen in der Bibel und anderer antiker Literatur auf.

Viel von diesem Material ist schon in den Softwarepaketen enthalten, die man sich in unterschiedlichem Umfang zulegen kann. Allerdings hängt die Qualität einiger Funktionen auch davon ab, wie viele exegetische Bücher (oder Predigten oder…) man für Logos erworben hat. Einige Wörterbücher, Kommentare und antike Literatur bekommt man beim Kauf schon, viele andere lassen sich nachkaufen.

Auf dem Bild sind die verschiedenen Basispakete zu sehen.
Auf dem Bild sind die verschiedenen Basispakete zu sehen.

Die “Basispakete” von Logos 6 sind nicht gerade günstig und setzen obendrein englische Sprachkenntnisse voraus (UPDATE: Die neuen deutschen gibt es hier). Man kann Logos aber auch benutzen, wenn man sich nur einzelne digitale Bücher kauft. Denn das Programm selbst, minus Funktionen und Datenbanken, ist kostenlos.

Da ist beispielsweise das “Paket der Deutschen Bibelgesellschaft“, das momentan einen Großteil der auf Deutsch erhältlichen Bibeln, Kommentare und Wörterbücher umfasst (UPDATE: Dieses Bündel wird nicht mehr angeboten, siehe stattdessen die eben verlinkten deutschen Base Packages). Mit knappem Budget könnte man sich zum Beispiel ausgewählte exegetische Kommentare, Wörterbücher, etc., einzeln kaufen (mehrere dutzend deutsche Werke hier). Zusammen mit kostenlos verfügbaren Ressourcen könnte man dann relativ günstig eine kleine Bibliothek zusammenstellen, die neben Bibelausgaben auf Englisch und in den Ursprachen auch viele antike griechische Texte enthält. Als “Personal Books” kann man außerdem etliche kostenlose Bücher aus der Community in seine Logos-Bibliothek mit aufnehmen.

In den Genuss der erweiterten Programmfunktionen und Datenbanken kommt man allerdings nur, wenn man etwas tiefer in den Geldbeutel greift. Das günstigste Basispaket kostet knapp 200€. Wer sämtliche neuen Programmfunktionen möchte, zahlt sogar gut 400€ oder deutlich mehr! (Theologiestudenten und Akademiker erhalten jedoch einen deutlichen Preisnachlass.) Deutsche Basispakete sind mittelfristig geplant, allerdings ist dafür noch viel Arbeit erforderlich. UPDATE: Die Preise der deutschen Basispakete rangieren zwischen ca. 230€ und etwa 900€.

Logos 6 gibt es für Windows und Mac, zudem gibt es eine Android-, eine iOS- und eine Webapp mit etwas eingeschränkter Funktionalität. Von einer Linux-Version träume ich, aber ob sie jemals realisiert wird? Bis dahin kann ich von Linux aus auf meine (in der Cloud synchronisierten) Werke immerhin per Webapp (biblia.com) zugreifen.

 

Was ist neu in Logos 6?

Logos 6 Faktenbuch
Das Bibelfaktenbuch enthält Lexikoneinträge, Bilder, Stammbäume und Verweise.

Neben einigen neuen Funktionen hat die Firma Faithlife vor allem vor allem die im Programm zur Verfügung gestellte Daten und Informationen zur Bibel verbessert. Das sind so viele, dass ich nur die wichtigsten ansprechen kann. Das Bibelfaktenbuch ist eine neue Datenbank mit allen möglichen Orten, Personen, Dingen und Ereignissen aus der Bibel. Eine neue Funktion sammelt zu jeder Bibelstelle Parallelen und Anspielungen in anderen antike Schriften, eine weitere tut dasselbe mit kulturellen Konzepten. Ich habe schon damit herumgespielt und testweise Stellen untersucht, die ich im Studium für exegetische Seminararbeiten untersucht habe. Ganz schön spannend, was Logos dazu alles hätte für mich finden können! Als ich die Arbeiten schrieb, musste ich solche Funktionen noch aus Kommentaren und Wörterbüchern zusammensuchen und habe unvermeidlich einiges übersehen.

Für Textkritiker stellt Logos 6 jetzt Informationen zu kritischen Editionen, Apparaten, textkritischen Kommentaren und historischen Handschriften in der eigenen Sammlung übersichtlich zusammen. Es gibt eine neue “Alles”-Suche, mit der man zu jedem beliebigen Thema gut aufbereitete Informationen aus den Bibellexika und Wörterbüchern der eigenen Bibliothek findet (oder finden sollte, s.u.). Und Logos kann nun in vielen (oder allen?) Bibeln automatisch eine Textanordnung einblenden, die Haupt- und Nebenthemen und Betonungen anzeigt.

Im neuen interaktiven Bibelatlas kann man die biblische Epoche einstellen, zu der die Karte angezeigt wird. Dabei stehen 13 verschiedene Epochen zur Auswahl, wobei die zum “Leben Jesu” in zahlreiche Unterabschnitte aufgeteilt ist. Der Atlas enthält Reiserouten, Kurzinfos zu biblischen Stätten und einige andere Funktionen. Geöffnete Kartenansichten lassen sich direkt an Powerpoint senden – das wird sicher so manchem Prediger einige Arbeitszeit ersparen.

Der Psalmen-Explorer in Aktion - Links die Übersicht, rechts die Ansicht von Psalm 1.
Der Psalmen-Explorer in Aktion – Links die Übersicht, rechts die Ansicht von Psalm 1.

 

Besonders interessant ist der neue Psalmen-Explorer (Ich stelle ihn hier ausführlicher vor). In einer ansprechenden und leicht zu navigierenden Oberfläche präsentiert Logos 6 Informationen zu jedem Psalm, was dessen Gattung, Struktur, Themen und Verfasser betrifft. Hebräische Dichtung macht ja beispielsweise ausgiebigen Gebrauch von Parallelismen, die der Explorer markiert. Auch die Makrostruktur des Psalms kann man sich anzeigen lassen (im Bild rechts). Ein ähnliches Tool gibt es für die Sprüche.

Eine toll aufgemachte Präsentation von Logos 6 gibt es hier.

 

Was man beanstanden könnte

Logos 6 Bibel-Atlas
Der neue Bibelatlas. Links verschiedene Epochen.

Manches läuft noch nicht ganz rund im neuen Logos 6. Zum Beispiel die neue Alles-Suche: Auf meiner Logos 6-Homepage wirbt ein Suchfeld damit, man könne darin nach einer Bibelstelle oder einem Thema suchen. Ich habe das mal mit dem Thema “Triumphal Procession” (“Triumphzug”) ausprobiert. Die sich daraufhin öffnende Alles-Suche findet dazu nichts in meiner Bibliothek. Lösche ich allerdings den Suchbegriff und gebe ihn neu ein, wird mir beim Tippen tatsächlich das Thema “Triumphal Procession” angeboten. Dazu gibt es wenigstens einen Eintrag im neuen Faktenbuch und einige Bilder – die meisten Rubriken der Suche (auch die zu Bibelstellen) bleiben jedoch leer. Erst wenn ich den Link zum Faktenbuch verfolge, finde ich, was ich gesucht habe: Relevante Bibelstellen, Bilder, den Verweis auf den Eintrag zum entsprechenden kulturellen Konzept und Parallelen in der Antiken Literatur.

Ebenfalls kurios: Die Alles-Suche nach dem Stichwort “Israel” findet keine Ergebnisse im neuen Bibelatlas. Ein Test der Alles-Suche mit einer Bibelstelle zeigt, dass ich dafür besser eines der vorkonfigurierten Werkzeuge benutzt hätte. Viel mehr als ein paar Bücher in meiner Bibliothek hat die Suche nämlich nicht gefunden. Das geht noch besser!

Der Bibelatlas selbst ist eigentlich eine tolle Neuerung (mehr dazu hier von Eduard Klassen), aber ich wünsche mir darin noch mehr Informationen. Die Reisen des Paulus fehlen noch ganz, die von ihm bereiste Türkei ist auf der Karte ein weißer Fleck. Auch die verschiedenen Länder und Herrschaftsgebiete oder die wichtigsten antiken Reiserouten scheinen noch gar nicht enthalten zu sein. Weiter würde der Atlas davon profitieren, wenn man weitere Medien direkt eingebunden hätte – etwa Stadtpläne aus den verschiedenen Epochen oder Diagramme von Schlachten. Das läuft momentan über den Umweg des verlinkten Faktenbuchs. Eine von Google Maps geborgte Funktion wäre zudem wahnsinnig toll: Dort werden ja schon auf der Karte Thumbnails zu Bildern von den angezeigten Orten eingeblendet. Mit der umfangreichen Sammlung in meiner Bibliothek wäre doch bestimmt Ähnliches möglich, oder?

Die Alles-Suche erinnert mich an Google und tut ihr Möglichstes, mir die besten Suchergebnisse aus verschiedenen Rubriken zu liefern.
Die Alles-Suche erinnert mich ein bisschen an Google und tut ihr Möglichstes, mir die besten Suchergebnisse aus verschiedenen Rubriken zu liefern.

Die Community-erstellte deutsche Übersetzung der Benutzer-Oberfläche ist grundsätzlich ganz gut gelungen, aber stellenweise auch wenig intuitiv und manchmal sogar verwirrend. Ein Beispiel: Das Werkzeug, mit dem man verschiedene Aspekte einer Perikope erforschen kann und das auch bei der Predigtvorbereitung helfen kann, heißt auf Englisch “Passage Guide” (etwa: “(Bibel)Stellenführer”). Auf Deutsch wurde daraus “Textabschnitt-Leitfaden“. Eine Revision der Übersetzung soll demnächst beginnen.

Ein anderes Problem habe ich beim Textvergleich meiner drei deutschen Bibelübersetzungen bemerkt. Die Menge-Bibel wird komischerweise gar nicht erst angezeigt (UPDATE: Geht jetzt), und statt der Guten Nachricht (Abkürzung GNB) gibt das Tool den Text der englischen “Good News Bible” (Abkürzung GNB) aus. An einer Lösung für diese Bugs arbeitet Faithlife allerdings schon.

Das größte Manko ist aber, wie schon angedeutet, das Fehlen deutscher Datensätze. Zwar habe ich einzelne deutsche Bibeln und Wörterbücher in meiner Bibliothek. Aber keines der Suchwerkzeuge funktioniert bisher auf Deutsch, wird vermutlich auch meine relevanten deutschen Ressourcen nicht finden. Klaro, das alles ist in Arbeit. Aber es ist eben eine Tatsache, dass deutsche Kunden von Logos 6 zunächst deutlich weniger haben, als englische. (UPDATE: Wie schon bemerkt, gibt es inzwischen deutsche Basispakete mit deutschen Datensätzen vorzubestellen.)

Mein Fazit

Logos Bibelsoftware 6 bietet eine so umfangreiche exegetische Bibliothek mit so vielen Funktionen, dass jeder, der regelmäßig tiefer in der Bibel forscht, die Anschaffung ernsthaft in Erwägung ziehen sollte. Das heißt, sofern man digital Bibelarbeit gewohnt ist, mit Englisch zurechtkommt und das nötige Geld in die Hand nehmen kann und möchte. Kein anderes Programm verknüpft und präsentiert Bibeltext und Informationen auf ähnlichem Niveau. Es gibt auch keine vergleichbare Option, so komfortabel eine digitale theologische Bibliothek aufzubauen, die sich gänzlich durchsuchen lässt und thematisch indiziert ist.

Die größte Herausforderung von Logos ist es, dem Nutzer diese Informationsfülle auch leicht zugänglich zu machen. Logos 6 hat wieder einen großen Schritt in diese Richtung gemacht. Die Verbesserungen gegenüber Logos 5 und 4 sind nicht revolutionär, aber hilfreich und machen Bibelerkundung und Exegese aber noch einmal ein ganzes Stück leichter. Besonders Wortstudien und komplexe Syntaxsuchen sind mit der Zeit deutlich einfacher und leistungsfähiger geworden. Logos 6 ist also das richtige Programm, sofern man sich mit hauptsächlich englischen Inhalten (wie gesagt: deutsche sind in Arbeit) und den für deutsche Verhältnisse recht hohen Preisen anfreunden kann.

Die verantwortliche Firma Faithlife arbeitet mit Sicherheit weiter an der immer besseren Verknüpfung und Präsentation im derzeit ohne Frage leistungsfähigsten Bibelprogramm, genauso wie an dessen zunehmender Internationalisierung. Sobald die Werkzeuge und Funktionen ganz auf Deutsch zur Verfügung stehen, wird Logos für deutsche Kunden zweifellos noch ein Stück interessanter.

Ich persönlich würde mir für die Zukunft noch eine bessere grafische Aufbereitung der Homepage, des Passage-Guides oder anderer “Werkzeugsets” wünschen. In den Guides (in der deutschen Version: Leitfäden) sind alle Werkzeug (Parallelstellen, Kommentare, Wort-für-Wort-Analyse, Themendatenbank, Predigtdatenbank usw.) im Unterfenster untereinander angeordnet und lassen sich ein- und ausklappen. Das eignet sich gut, wenn man in anderen Unterfenstern den Bibeltext, seine Wörterbücher usw. geöffnet hat und häufig die Bibelstelle wechselt.

Es fehlt mir aber eine grafische Aufbereitung, quasi eine Startbahn, für die Suche nach etwas ganz Bestimmtem. Eine Art Desktop, wo ich meine Aufgabe beginnen kann, egal ob ich nach Infos zu einer bestimmten Person, einem griechischen Wort, einem syntaktischen Phänomen hebräischer Poesie oder nach einem textkritischen Kommentar zu meiner fraglichen Bibelstelle suche. Auf meinem Schreibtisch kann ich ja auch entscheiden, ob ich ein griechisches Neues Testament oder eine Enzyklopädie zur Hand nehme und was ich dann damit anstelle.

Ich finde also, Logos sollte es mir etwas einfacher machen, eine Wortstudie, eine Exegese oder eine thematische Recherche zu beginnen. Die Werkzeuge dazu sind schon da, aber sie müssten noch spezifischer für verschiedene Aufgaben präsentiert werden.

Und eine Linux-Version für den Desktop wäre der nächste logische Schritt. Oder, Faithlife?

Alle Infos zu Logos Bibelsoftware 6 gibt es hier (Englisch).

UPDATE: Zum neuen separaten deutschen Angebot geht es hier.

 

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Anmerkungen und Quellenachweise

Eine Anmerkung zum Geleit: Ich werde zurzeit von Faithlife zur Arbeit an deutschen Programmfunktionen bezahlt. Dieser Beitrag hat damit nichts zu tun und stellt meine persönliche Meinung dar. Ich erhalte für diesen Beitrag auch keinerlei Vergütung.

 

Bildnachweis: Grafiken zur Verfügung gestellt von Faithlife, Screenshots von mir.

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