Nein, die Homo-Ehe ist kein Zeichen der Endzeit

Titelbild: Albrecht Dürer, Der Erzengel Michael bekämpft den Drachen (1498)

Es gibt unter konservativen Christen solche, die sich immer dann zu Wort melden, wenn es in der Welt nicht gut läuft. Meinungsführer, die stets mahnen. Oder christliche Autoren, deren gesamtes Werk sich darauf beschränkt, sich von anderen (Gläubigen) abzugrenzen oder zu kritisieren. Meist geht es um die bedenkliche Entwicklung der Gesellschaft oder der Christenheit. Wörter wie “Abfall”, “Irrweg” oder “Endzeit” fehlen in kaum einem Buch, keiner Predigt.

Wer sich davon beeinflussen lässt, bekommt Angst vor “der Islamisierung”, dem sexuellen Wandel oder was auch immer die Landeskirchen gerade tun. In Deutschland gehören neben theologisch Andersdenkenden vor allem Linke, Grüne und der Papst zu den Lieblingsfeinden. Hier in den Vereinigten Staaten ist dieser Menschenschlag besonders paranoid. Man fürchtet sich vor Obama (Antichrist), den Vereinten Nationen oder dem Schreckgespenst Sozialismus. (Nicht alles typisch christlich, doch die Christen teilen sich viel mit ebenso paranoiden Republikanern. Im Hinterkopf behalten, ich komme gleich nochmal auf diese Mischung zurück.)

Aus diesen einschlägigen Kreisen schallt seit dem Urteil des Obersten US-Gerichtshofs vor allem das Begriffspaar “Homo-Ehe” und “Endzeit”, auf beiden Seiten des Atlantik. Kaum einer hält Begründungen für nötig. Aber alle fürchten sich.

Ein Gastkommentar beim christlichen Medienmagazin pro vom Tag nach der Urteilsverkündung schlägt genau in diese Kerbe. Der Autor Dr. Uwe Siemon-Netto liefert ein Musterbeispiel dafür, warum Christen nur solchen Wortführern vertrauen sollten, die ihre Position auch mit guter Exegese begründen können. Der Artikel bei “pro” erfüllt leider weder journalistische noch exegetische Ansprüche. Es ist erstaunlich, was da von einem erfahrenen Journalisten und promovierten Theologen (Wikipedia) zu lesen ist. Eine Twitter-Reaktion fiel sogar noch drastischer aus:

“pro” schätze ich eigentlich als nüchterne Publikation, die fundiert und ausgewogen kommentiert (wie hier gegen die Mundtotmachung von Gegnern der Homo-Ehe). Diese Linie ist offenbar der Grund, warum der Beitrag schon nach wenigen Stunden aus dem Netz verschwand.

Doch das kam etwas spät: Dr. Siemon-Nettos Kommentar war so lange verfügbar, dass ich ihn lesen, mich darüber ärgern und etwa 60% dieses Posts schreiben konnte, bevor ich den Rückzieher bemerkte. (Der Artikel ist anderswo weiter einsehbar.)

Daher wollte ich wissen, wieso der Artikel überhaupt veröffentlicht und warum er letztlich zurückgezogen wurde. Auf meine Anfrage erhielt ich eine Email aus der Konserve nach dem Muster dieses Tweets:

 

Ein Fallbeispiel: Eindimensionale Gesellschaftskritik, schlechte Exegese

Unter der Überschrift “Homo-Ehe: Ein Wetterleuchten der Endzeit” warnt Simon-Netto vor den gesellschaftlichen Folgen des lange erwarteten Urteils. Der Autor, der selbst seit Jahrzehnten in den USA lebt, hat zwar Recht, wenn er beschreibt, welche Folgen das Urteil des Obersten Gerichtshofs für bibeltreue Christen in den Vereinigten Staaten haben könnte – Anfeindungen, Gewissenskonflikte, vielleicht sogar Einschränkungen der Religionsfreiheit. Doch schon nach einigen Absätzen wird der Text seiner reißerischen Überschrift gerecht:

Am Abend nach dem Richterspruch in Washington telefonierte ich mit bibeltreuen katholischen und protestantischen US-Theologen. Alle redeten wie Kirill oder Akinola in apokalyptischen Begriffen. Das klamme Gefühl, dass hier fünf von neun Bundesrichtern weltliches Recht über göttliche Schöpfungsordnungen gestellt hatten, vertiefte sich noch durch Horrormeldungen, die zum gleichen Zeitpunkt aus drei anderen Teilen der Welt einliefen: In Frankreich enthauptete ein islamistischer Terrorist bei einem Angriff auf ein Gaswerk einen Transportunternehmer; in Tunesien brachten Islamisten in einer Hotelanlage 39 Menschen um; in Kuwait sprengte sich ein Islamist in einer schiitischen Moschee beim Freitagsgebet in die Luft und riss 25 Gläubige mit in den Tod. Mein Punkt ist hier: All dies waren blutige Zeichen des schier unaufhaltsam vordringenden Islamischen Staats, der das christliche Abendland für todgeweiht hält. (Den Artikel lesen)

Islamistischer Terror und Homo-Ehe sind also Zeichen der Endzeit? Wie bitte? Und in der Bibel steht das wo?

Doch weiter im Text: Nachdem er die sexuelle Liberalisierung als Werk des Teufels, des “Verwirrers” bezeichnet hat, prognostiziert Herr Siemon-Netto, es werde in den Vereinigten Staaten schon bald christliche Märtyrer geben. Der Grund? Natürlich, die kommunistische Ideologie der Machthaber und besonders des Präsidenten.

Hier mischt sich die unreflektierte christliche Angst vor Verfolgung mit derselben paranoiden, antiintellekten, verschwörungsbesessenen Rhetorik, die mir leider nur zu gut aus den konservativ-republikanischen Teilen der Bevölkerung bekannt ist. Wie ich schon sagte: Beide gehen in diesem eigenartigen Land leider zu oft Hand in Hand. In dem Land, dessen Konservative sich damit brüsten, dass es auf christlichen Werten gebaut wurde, wird jeder demokratische Präsident mit der Zeit unvermeidlich zu einem Werkzeug des Teufels oder gleich zum Antichristen. Jedes neue Gesetz, das etwas Ordnung schaffen soll, ist Baustein des Sozialismus. Die Leute lieben nur ihre Knarren so sehr wie ihre Freiheit und ihre Religion, denn wer sonst könnte uns vor unserer machthungrigen Regierung schützen als (Gott und) wir freiheitsliebenden Bürger?

 

“Die Endzeit ist da!” Ein Déjà-vu…

Was der Journalist, der schon als Kriegskorrespondent in Vietnam dabei war, da vorhersagt, ist nicht nur reichlich pessimistisch. Es ist auch ein Beispiel schlechter Exegese.

Zwar möchte Dr. Siemon-Netto immerhin keine Endzeitprognosen machen. Doch sein Artikel ist ein gutes Beispiel für die ängstliche Weltsicht, die von derselben fragwürdigen Bibelauslegung kommt. Ihm unterläuft derselbe methodische Fehler, nämlich, die Bibel aus der Perspektive seiner eigenen Zeit zu lesen. Das ist unwissenschaftlich und muss (fast) zwangsläufig zu unbrauchbaren Ergebnissen führen. Dann wird jede militärische Entwicklung im Nahen Osten mit Hilfe der Offenbarung in endzeitliche Kategorien eingeordnet, und dieser und jener Politiker ist fast sicher der Antichrist.

Das Problem dabei ist: Christen vermuten schon seit 2000 Jahren, dass die Endzeit bevorsteht. Die Welt war eben schon immer schlecht. Man muss sich dabei bewusst machen: Bisher haben sie sich alle, 100% von ihnen, geirrt. Die frühen Christen rechneten mit dem baldigen Ende der Welt. Sie erlebten die Zerstörung Jerusalems und Verfolgungen im römischen Reich unter dem Einfluss Jesu und der Propheten. Luther hielt den Papst im 16. Jahrhundert für den Antichristen. Die Zeugen Jehovas waren sich so sicher, dass sie ihre gesamte Theologie mit der Überzeugung verknüpften, Jesu würde im ersten Weltkrieg zurückkehren (hinterher mussten sie sich korrigieren – Harold Camping, anybody?). In den USA ist diese Art schlechter Exegese spätestens seit dem 11. September 2001 so etwas wie ein Volkssport der Panikmacher.

Nur: All diese weltbewegenden Bedrohungen haben sich als völlig unendzeitlich herausgestellt. Luthers Papst war nicht der Antichrist, Hitler (erstaunlicherweise?) auch nicht, und der vergleichsweise tugendhafte und so ganz undiktatorische Präsident Obama ist es schon gar nicht (also bitte, liebe Amerikaner!). Unmenschliche Diktatoren wie Stalin, Mao, Pol Pot oder die Kims? Wären den biblischen Propheten wohl nicht einmal Fußnoten wert gewesen.

Haben wir Christen von unserer Geschichte so wenig Ahnung, dass wir nie aufhören können, dieselben Fehler zu wiederholen?

 

Wir müssen keine Angst haben

Liebe Mitchristen: Ihr müsst nicht immer so viel Angst haben. Im Neuen Testament überwiegen Hoffnung und Zuversicht immer die Angst vor möglicher Verfolgung.

“Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.” (2Tim 1,7 nach LUT)

Es gibt immer irgendwo eine Agenda, die sich gegen christliche Überzeugungen richtet. Und ja, ich glaube auch, dass der Teufel dafür verantwortlich ist. Der Apostel Paulus zeigt uns, wie man damit umgehen kann, ohne sich zu fürchten. Als er den Philipperbrief schrieb, saß er im Gefängnis. Obwohl wir den Grund nicht kennen, ist die Vermutung wohl berechtigt, dass es an genau so einer “antichristlichen” Agenda lag. Doch anstatt zu klagen, war sein Glaube so stark und zuversichtlich, dass er alle damit ansteckte.

“Denn im ganzen Prätorium und bei allen Übrigen ist offenbar geworden, dass ich um Christi willen im Gefängnis bin. 14 Und die meisten der Brüder sind durch meine Gefangenschaft zuversichtlich geworden im Glauben an den Herrn und wagen umso kühner, das Wort Gottes furchtlos zu sagen.” (Phil 1,13-14, EÜ)

Also, liebe Mitchristen: Tief durchatmen! Das Leben geht auch morgen weiter. Wir sind in Gottes Hand, aus der uns niemand reißen kann. Paulus ermutigt uns, dass “weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes” (Röm 8,38-39a, LUT)

Wie wäre es denn, wenn wir einmal versuchen würden, die Welt aus dieser Perspektive zu sehen? Wenn wir uns einfach merkten, dass von einer gefallenen Welt nun einmal viel Schlechtes zu erwarten ist, und stattdessen einmal nach dem Guten Ausschau hielten? Gott ist doch ständig und überall dabei, sein Reich zu vergrößern. Paulus spricht sogar davon, dass Gott in einem evangelistischen Triumphzug durch die Welt zieht und uns Christen dabei sozusagen als Anschauungsmaterial mitschleift (2Kor 2,14).

Die Geschichte der Christenheit zeigt ja auch ganz andere Wahrheiten. Es gibt so viele historische Ereignisse, die zeigen, dass der Leib Christi sich weiter bester Gesundheit erfreut und das Reich Gottes, anstatt in 2000 Jahren hundertmal unterzugehen, noch kräftig expandiert hat: Die Reformation etwa. Oder die Erweckungsbewegung im 18. und 19. Jahrhundert. Damals wurden ganze Landstriche fromm und viele der heutigen Freikirchen geboren. Jetzt in diesem Moment verbreitet sich der christliche Glaube so schnell wie nie zu vor. In China, in Indien und im arabischen Raum wächst das Christentum seit dem 20. Jahrhundert zu einer Religion der Millionen heran. Sollte Gott wirklich mit seiner Langmut zu Ende kommen, wenn es noch aufgehende Saat gibt, die nicht geerntet ist? (“Langmut” bezeichnet die Geduld, mit der Gott die Vernichtung der Welt zurückhält, obwohl sein Sinn für Gerechtigkeit dazu drängt, das gründlich verdiente Urteil zu vollstrecken.) Ich glaube, das Wirken des Heiligen Geistes zeigt, dass Gott mit der Menschheit noch lange nicht fertig ist.

A propos Obama: Der US-Präsident ist ja nicht immer mit uns Wertekonservativen auf einer Linie. Doch das muss auch einmal festgehalten werden: Das Land, das jetzt die Ehe für Homosexuelle geöffnet hat, hat einen Präsidenten, der noch am selben Tag bei einer Rede ein altes Kirchenlied angestimmt hat, das von Gottes unermesslicher Gnade erzählt. Welcher andere Staatschef würde das tun?

 

Update:

Uwe Siemon-Netto fällt einige Monate später wieder mit einem populistischen Beitrag über den Islam auf. Wieder in einer evangelikalen Publikation, und wieder wurde der Kommentar nach wenigen Stunden ohne Erklärung gelöscht. Im Kontext der Pariser Anschläge ruft Siemon-Netto die Christen dazu auf, den Missionsbefehl ernstzunehmen. Leider bleibt es bei dieser Botschaft nicht. Der Artikel zeichnet ein arg tendenziöses Bild vom Islam, das viele im Netz als hetzerisch bezeichnen, und behandelt die EKD mit einem Hohn, der im sehr ernsthaften Kontext islamistischen Terrors völlig unangemessen ist. Hier ein treffender Kommentar.

Liebe Evangelikalen: Bitte distanziert euch von eurem rechten Rand. Wir können nicht vokal für unsere christlichen Werte eintreten und sie dabei selbst mit Füßen treten.

 

Weiterlesen:

Zum Weiterlesen zwei Perspektiven, über die man auch nachdenken könnte und die ganz ohne Endzeitpanik auskommen.

Bildnachweis: Albrecht Dürer, Der Erzengel Michael bekämpft den Drachen (1498) [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

8 Antworten auf „Nein, die Homo-Ehe ist kein Zeichen der Endzeit“

  1. Danke für die nüchterne Einschätzung! Hab mich ab zitierter Meldung bei pro auch genervt. Deine Ausführungen erinnern mich an die Offenbarungskommentare vergangener Zeiten. Nebeneinander gelegt ergibt sich ein gutes Bild unserer Zeitgeschichte. In den 70ern z.B wurde alles auf die Atomwaffe hin ausgelegt.
    Um endlich eine saubere Exegese machen zu können brauchen wir dringend die Reverse Interlinear für Logos in Deutsch! 🙂

    1. Danke für den ermutigenden Kommentar! Schön, dass ich nicht der einzige war, den der pro-Kommentar gestört hat.

      Zur Luther-RI: Ich schätze, das könnte im Spätsommer oder Herbst etwas werden. 😉

  2. Mich hat nicht der Pro-Kommentar gestört, sondern dass der Artikel entfernt wurde. Der Kommentar findet meine Zustimmung, wenn auch nicht in allen Einzelheiten. Vielleicht sollten Sie auch nicht jedem eine “ängstliche Weltsicht” unterstellen, der die Einführung der “Homoehe” als eine Niederlage für die ganze Menschheit wertet. Und das ein Präsident der USA einen “christlichen Schlager” mitsingt, ich bitte Sie, was besagt das denn?

    1. Die “ängstliche Weltsicht” habe ich Herrn Siemon-Netto nicht für seine Bewertung der Homo-Ehe unterstellt, sondern weil er 1. willkürlich und ohne biblische Belege apokalyptische Vergleiche gezogen und 2. gleich noch vermutet hat, es würde bald christliche Märtyrer geben. Verschwörungstheorien über Obamas kommunistische Reformpläne? Qualitätsjournalismus sieht anders aus.

      Übrigens hat Obama das Lied von sich aus und völlig überraschend angestimmt. Die Leute haben sogar zuerst gelacht. Ich muss mich nicht mit seinen Positionen identifizieren, um ernst zu nehmen, dass er sich mit dem christlichen Glauben identifiziert. Hätte denn ein deutsche CDU-Politiker auch nur im Traum an so eine Aktion gedacht?

  3. [Link vom Betreiber entfernt]
    Beginnt göttlich zu denken und hört damit auf, menschlich zu denken, denn ihr seid GÖTTER!

    Markus 8:33 Er aber wandte sich um und sah seine Jünger an und schalt den Petrus und sprach: Weiche hinter mich, Satan! Denn du denkst nicht göttlich, sondern menschlich!

    Psalm 82:1 Ein Psalm Asaphs. Gott steht in der Gottesversammlung, inmitten der Götter richtet er:

    Psalm 82:6 Ich habe gesagt: «Ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten;

    Liebe Grüße von

    Mr. o00

    1. Hallo Nichtsnus,
      nichts für ungut, aber das ist (nicht nur) methodisch die furchtbarste Bibelauslegung, die mir je untergekommen ist. Man kann natürlich jede Meinung irgendwie begründen, auch mit “Beweistexten” aus der Bibel. Wenn man dabei allerdings erreichen will, dass etwas vernünftiges dabei herauskommt, sollte man die Grundlagen der Logik beherrschen und die Weltanschauung dahinter berücksichtigen.

      Psalm 82 spricht von geringeren “Göttern”, die aber nicht mit Menschen identisch sind. Dass Petrus im wörtlichen Sinn der Satan sein sollte, ist im Kontext der Aussage und im gesamten Kontext der Bibel völlig absurd.

      EDIT: Ich habe die Links aus deinem Kommentar entfernt. So etwas wäre mir vorher nie in den Sinn gekommen, aber ich habe null Toleranz für satanistischen Unfug auf meinem digitalen Grund und Boden. (Dafür könnte ich übrigens auch Bibelstellen anführen…)

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