Weihnachtliches: Die Geburt des Messias als Zeichen für das Volk Gottes. Die Messiasankündigung in Jesaja IX

Titelbild: Der Prophet Jesaja in der sixtinischen Kapelle

Anmerkung des Herausgebers: Dieser Beitrag stammt von Mario Tafferner, der mir in den kommenden Monaten beim Bloggen helfen wird. Er ist zuerst in der Zeitschrift Bekennende Kirche Nr 59 erschienen.

Dies ist Teil 1 eines zweiteiligen längeren Beitrags. Im Vorfeld von Weihnachten soll es um die Ankündigung des Messias in Jesaja 9 gehen. Dieser erste Teil erklärt den historischen sowie literarischen Kontext von Jesaja 9,1-6, die zentral untersuchte Verheißung in diesem Post. (Zu Teil 2)

Einleitung

Auch wenn wir in Europa bereits in einer nach-christlichen Kultur leben, so ist Weihnachten noch immer ein schillerndes Überbleibsel unseres christlichen Erbes. Die Geburt Jesu als Anlass für dieses Fest ist vielerorts leider in Vergessenheit geraten. Was aber ist mit uns Christen? Haben wir verstanden, warum Weihnachten ein so bedeutender Anlass ist, unseren Herrn zu feiern? In diesem Aufsatz möchte ich aufzeigen, dass die Geburt des Messias in der Schrift mehr bedeutet, als lediglich ein „ins-Leben-treten“ unseres Heilands. Freilich lehrt uns der Apostel Paulus in Philipper 2,1-10, dass Jesu Menschwerdung bereits von Anfang an (ja schon vor Erschaffung der Welt – Eph 1,4!) seine „Erniedrigung bis zum Tod am Kreuz“ zum Ziel hatte. Doch von Jesu Opfer soll dieser Text nicht in erster Linie handeln. Ebenso wenig soll das Geheimnis der Menschwerdung Gottes Gegenstand dieses Aufsatzes sein. Beide oben genannten Aspekte der Geburt Jesu sind unerlässlich für unser Heil und von äußerster Wichtigkeit. Jedoch will ich hier auf einen weiteren, oftmals unbedachten Aspekt der Geburt des Messias hinweisen: die Geburt des Messias ist ein Zeichen für das Volk Gottes.

Viele der wichtigsten und am häufigsten zitierten alttestamentlichen Prophezeiungen auf den Messias hin finden wir im Buch des Propheten Jesaja. Die darin enthaltenen und äußerst bekannten „Gottesknechtslieder“ (Jes 42,1-8; 49,1-6; 50,4-11; 53,1-12) führen uns den leidenden Messias vor Augen, der das Volk Gottes rettet, heilt und stellvertretend für das Volk stirbt, um dessen Sünden wegzunehmen. Während diese Prophezeiungen einen großen „Block“ im Jesajabuch bilden, findet sich in den ersten Kapiteln des Buches noch ein weiter solcher „Block“. Drei Prophezeiungen auf den Messias hin, die thematisch zusammen gehören und von der Geburt des Messias als „Zeichen“ berichten, sind in den Kapiteln 7-11 (7,14-17; 9,1-6; 11,1-5) erkennbar. Die Abschnitte, die uns im Neuen Testamen über die Geburt Jesu berichten, zitieren oftmals aus diesen Stellen im Jesajabuch oder klingen im Wortlaut an sie an. Es ist wohl bemerkenswert, dass die Gottesknechtslieder dem Volk Gottes detailliert mitteilen, was der Messias im Heilsplan Gottes erwirken wird, während die Prophezeiungen in Jesaja 7-11 vor allem daran interessiert sind, dass der Messias geboren wird. Zusätzlich wird in Jesaja 7-11 ebenfalls deutlich, wer der Messias ist und was seine Bedeutung bzw. Rolle im Gottesvolk ausmacht. Im vorliegenden Aufsatz wird daher eine dieser Prophezeiungen (namentlich Jesaja 9,1-6) über die Geburt des Messias ausgelegt und im Zusammenhang des Abschnitts Jesaja 7-11 sowie des ersten Kommens des Messias, Jesus Christus, erklärt.

Der geschichtliche Zusammenhang

Bevor wir uns der Vers-für-Vers-Auslegung des Abschnitts zuwenden, soll ein kurzer Einblick in die geschichtlichen Zusammenhänge der Kapitel 7-11 gegeben werden. Nach der Teilung des israelitischen Königreiches (ca. 970 v.Chr.) waren es die Dynastien des Nordreiches Israel, die moralisch und politisch wesentlich schneller verfielen, als das Herrscherhaus des Südreiches Juda. Nach dem Tod Jerobeams II. (2 Kön 14,29) wird sowohl dessen Sohn Secharja, der gerade einmal 6 Monate in Samarien regierte, als auch Schallum, der Mörder Secharjas, nach nur einmonatiger Herrschaft von einem machtsüchtigen Nachfolger ermordet. Mit der Thronfolge Tiglatpilesers III. in Assyrien im Jahre 744 v.Chr. änderte sich das Leben im Alten Orient maßgeblich. Dieser assyrische Herrscher eroberte nicht nur neue Gebiete und machte sie daraufhin tributpflichtig, er begann auch, unterworfene Völker regelmäßig von ihrem Heimatgebiet aus in fremde Landstriche zu deportieren.1 Menahem, der König des Nordreiches Israel, der zuvor den Thron durch ein Attentat auf Schallum an sich gerissen hatte, versuchte die assyrische Gefahr durch geschickte Diplomatie zu bändigen. In 2 Kön 15,19-20 wird uns davon berichtet, wie Menahem dem assyrischen König Tiglatpileser III. einen Betrag von 1000 Silbertalenten zukommen ließ. Nach der erfolgreichen militärischen Kampagne nach Syrien und in die Levante (also das direkt an Israel angrenzende Gebiet) des assyrischen Königs im Jahre 738 v.Chr. wollte Menahem durch seinen Tribut wohl Freundschaft mit Tiglatpileser schließen, um so der Unterwerfung zu entgehen.2 Die Geschichte des Nordreiches verlief allerdings anders, als Menahem sich durch seinen politischen Zug erhofft hatte. Schon unter Pekach, zwei Jahren nach Menahems Tod, drang Tiglatpileser III. in das Nordreich ein und eroberte Galiläa, Naftali und die wichtige Stadt Hazor (2 Kön 15,29; siehe auch Jes 8,23-9,1). Pekach wurde durch einen Marionettenkönig ersetzt und nach nur wenigen Jahren eroberte Salmanasser V., der direkte Nachfolger Tiglatpilesers III., das Nordreich Israel im Jahre 722 v.Chr. Er deportierte den größten Teil der Bevölkerung in die Zerstreuung nach Assyrien und die Gebiete der Meder. Diese Geschichte der letzten Jahre des Nordreiches Israel zeigt auf eindrucksvolle Weise, warum den assyrischen Machthabern nicht zu trauen war. Ahas, der König Judas zur Zeit der drei Messiasprophezeiungen in Jesaja 7-11, brauchte wahrlich keinen Propheten wie Jesaja, um zu verstehen, dass die Freundschaft mit Assyrien schon rein politisch keinen klugen Zug darstellte. Doch auch mit einem Propheten wie Jesaja begriff Ahas es nicht.

Der engere geschichtliche Zusammenhang von Jesaja 7-11 gehört nun genau in diese letzten Jahre des israelitischen Nordreiches. Der oben erwähnte König Pekach zog gemeinsam mit dem syrischen König Rezin gegen das Südreich Juda und dessen König Ahas (2 Kön 15,37). Damit begann ein Konflikt, den man in der Literatur als „Syro-Ephraimitischer“ Krieg bezeichnet. Doch was war geschehen? Rezin, der König Syriens, versammelte verschiedene tributpflichtige Reiche, um eine Koalition gegen Assyrien zu bilden. Dazu gehörten außer Israel auch Tyrus, Gaza, Moab, Ammon und Edom. Ahas jedoch wollte sich dem Bündnis nicht anschließen, weshalb Rezin und Pekach, der König des Nordreiches, versuchten, Juda zu erobern und einen bündnistreuen neuen König einzusetzen (Jes 7,6).3 Zusätzlich fielen auch noch die Edomiter in Juda ein (2 Chr 28,17), während Rezin verheerende militärische Erfolge gegen das Südreich und Ahas erzielen konnte (2 Kön 16,6). Diese sich gegen Juda erhebende Koalition war sicherlich ein Gericht Gottes (2 Kön 15,37) an Ahas, der den Götzen diente und sogar seinen eigenen Sohn als ein Opfer verbrannte (2 Chr 28,3). In dieser schier aussichtslosen Situation kam der Prophet Jesaja nun zu Ahas, um ihm mitzuteilen was geschehen würde.

Jesaja 7,14-17 und 11,1-16

Das siebte Kapitel des Jesajabuches setzt nun genau in diesem Syro-Ephraimitischen Krieg an. Rezin und Pekach hatten bereits gegen Jerusalem mobil gemacht, als Ahas erfuhr, dass auch noch die Aramäer sich gegen ihn in Ephraim gelagert hatten (Jes 7,1-2). Im Auftrag Gottes traf Jesaja nun auf Ahas, um ihm mitzuteilen, dass diese Koalition keinen Erfolg haben würde. Gott wollte sogar seine Glaubwürdigkeit durch ein wundersames Zeichen unter Beweis stellen, doch Ahas lehnte dieses Angebot Gottes ab (Jes 7,10). Es ist wahrscheinlich keine falsche Frömmigkeit, die hier aus Ahas sprach (siehe 5 Mose 6,16), sondern eine in seinem Herzen bereits gefällte Entscheidung. Seinen Entschluss, militärische Hilfe aus Assyrien anzufordern, verhüllte er hier geschickt. Ahas wollte schlichtweg nicht glauben, dass seine eigene militärische Stärke ausreichen würde, wenn Gott mit ihm wäre. Das Zeichen des Immanuel („Gott ist mit uns“) in Jes 7,14-17 (die erste der drei Prophezeiungen zur Geburt des Messias) ist somit keine „frohe Botschaft“ für Ahas. Es ist ein Zeichen des Gerichtes für einen untreuen Herrscher. In der theologischen Literatur wurde viel darüber diskutiert, wer denn dieser Immanuel sei, der hier in Jes 7,14 verheißen wird. Einige meinen, es sei der Sohn Jesajas, der ebenfalls ein Zeichen für das Gottesvolk war (Jes 8,3-4). Andere meinen hier Hiskia, den Sohn Ahas, zu erkennen, der Juda als ein gottesfürchtiger Herrscher regierte und in einer ähnlichen Situation den Glauben an Gott bewahrte. Beides jedoch ist unwahrscheinlich. Auf der einen Seite war Hiskia schon längst geboren, als diese Prophezeiung ausgesprochen wurde4 und auf der anderen Seite ist Immanuel offensichtlich ein königliches Kind und nicht das Kind eines Propheten. In Jes 8,9 wird Juda als das Land Immanuels bezeichnet. In 8,10 ist es dieser Immanuel, der die Macht hat, die Völker von Juda fernzuhalten und sogar die Assyrer zu besiegen. Diese enge Verbindung zwischen Immanuel und dem Königshaus Judas lässt nur einen Schluss zu: Immanuel ist ein Kind aus dem Hause Davids und genau deshalb ein Gerichtszeichen für Ahas. Anstelle von Ahas werden die Völker sich nämlich gegen Immanuel auflehnen können, jedoch ohne dass es ihnen etwas nutzt (Jes 8,9-10). Dieser davidische König, der da kommen soll, wird in Jes 11,1-16 weiter beschrieben. Interessanterweise wird er hier als „ein Zweig aus dem Stamm Isais“ (der Vater Davids) bezeichnet. Das liegt daran, dass dieser König kein neuer Nachfolger Davids sein wird, sondern viel mehr ein neuer David. Gleichzeitig steht dieser neue David in direktem Kontrast zu Ahas, denn er wird „Wohlgefallen haben an der Furcht der Herrn“ (11,3) und der Geist der Herrn wird auf ihm ruhen, „der Geist der Weisheit und des Verstandes“ (11,2). Was in Jes 11,1-16 verheißen wird, ist die Geburt eines neuen Davids, der als ein Zeichen dastehen wird für alle Völker und der ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens regieren wird. Im Machtspiel zwischen Assur und Juda wurden zwar beide Völker ausgelöscht. Assyrien wurde 609 v.Chr. durch eine Koalition aus Babyloniern, Medern und Persern zu Fall gebracht, während die Babylonier Juda nur wenige Jahre später (wie schon das Nordreich zuvor) in das Exil führten. Doch während es für Assyrien kein Überbleibsel geben wird, so erhält sich Gott einen heiligen Rest in Israel (Jes 10,22). Die Kapitel zwischen Jesaja 7,1 und 12,6 berichten uns davon, wie das Königreich Juda von einer schlimmen Situation (der Syro-Ephraimitische Krieg) in eine noch schlimmere Situation übergeht (die Machtübernahme durch die Assyrer) und am Ende dennoch ein Danklied anstimmt (Jes 12,1-6), denn „der Heilige Israels ist groß“ im Volk Gottes (12,6). Exakt die Geburt dieses „Heiligen Israels“ wird in Jes 7,14, 9,1-6 und 11,1 verheißen. Seine Ankunft ist ein Zeichen für die Machthaber Syriens, der Nordreiches und Assyriens, dass der Stumpf Isais wieder einen Zweig hervorbringen wird, der ein Friedensreich für das Volk Gottes regieren wird. Doch wer ist dieser neue David? Dieser „gesalbte“ König aus dem Stamm Isais? Der Messias?

Im folgenden Teil soll es um eine Vers für Vers Auslegung von Jesaja 9,1-6 gehen. Auch der Bezug zum NT soll dabei nicht fehlen.

Quellen:

1 Canik-Kirschbaum, Eva. Die Assyrer. Geschicht, Gesellschaft und Kultur. München: Beck, 2003. S. 66.

Provan, Iain and Philips Long. A Biblical History of Israel. Louisville: Westminster John Knox, 2003. S.270.

Wray Beal, Lissa M. 1 and 2 Kings. Apollos Old Testament Commentary 9. Downers Grove: IVP, 2014. S. 438.

Smith, Gary V. Isaiah 1–39. The New American Commentary. Nashville: B & H Publishing Group, 2007. S. 203.

Bildnachweis: ideacreamanuelaPps, Isaia-Cappella-Sistina via photo pin unter CC BY 2.0-Lizenz.

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