Weihnachtliches: Die Geburt des Messias als Zeichen für das Volk Gottes. Die Messiasankündigung in Jesaja IX (Teil II)

Titelbild: Das Relief Sanheribs, welches die assyrische Belagerung der judäischen Stadt Lachisch darstellt

Dies ist der zweite und abschließende Teil der Artikelserie zur Messiasverheißung in Jesaja 9. Er schließt direkt an den ersten Teil an und setzt dessen Lektüre voraus.

Jesaja 9,1-6: Gott weckt lauten Jubel!

Die Verheißung in Jesaja 9 steht genau zwischen den Prophezeiungen in Jes 7 und 11. Während Jes 7 vor allem in die geschichtliche Situation Israels zur Zeit des Syro-Ephraimitischen Krieges hineinspricht, blickt Jesaja 11 bereits sehr weit in die Zukunft, in die Zeit des Friedensreiches des Messias. Jes 9,1-6 aber zeigt uns ganz zentral, wer dieser Messias ist, dessen Geburt Zeichen zum Gericht und zur Ewigen Erlösung ist. Im folgenden Abschnitt soll daher dieses Gotteswort an Jesaja Vers für Vers ausgelegt werden.

8,23: Doch bleibt nicht im Dunkel [das Land], das bedrängt ist. Wie er in der vorherigen Zeit dem Land Sebulon und dem Land Naphtali Schmach antat, so wird er in der letzten Zeit den Weg am See zu Ehren bringen, jenseits des Jordan, das Gebiet der Heiden:

Der Vers vor 9,1 bildet eine Art Einleitung zu den folgenden sechs Versen. Hier wird an die Eroberung des Nordreichs durch die Assyrer erinnert, die unter Pekach die Gebiete Naftali und Galiläa eingenommen hatten und somit das Ende Israels bereits besiegelten. Dieses Gotteswort muss Jesaja wohl empfangen haben, nachdem Ahas die Assyrer um Hilfe gebeten hatte. Damit hatter er Juda in den Status eines tributpflichtigen und ergebenen Vasallen Assyriens gebracht (2 Kön 16,7). Um den Tribut an Tiglatpileser zahlen zu können, nahm Ahas sogar Gold vom Tempel. Auch religiös lies Ahas sich daraufhin von den Assyrern beeinflussen. Die Situation im Volk muss gerade für Männer wie Jesaja und dessen Kinder grausam gewesen sein. In Jes 8,16-22 lesen wir von Totenbefragungen anstelle von Gottesoffenbarung, Blasphemie und Angst. Diese Situation wird von Jesaja als „Finsternis“ beschrieben. Die Verheißung des Messias in Jes 9,1-6 wird nun durch diesen Rückblick in die Vergangenheit des Nordreiches eingeleitet. Das besondere dabei ist, dass die Verheißung somit auch den Gebieten Naftali, Sebulon und dem „Galiläa der Heiden“ (alles Gebiete aus dem Nordreich) gilt. Dieses Galiläa war von den Assyrern bereits zuvor mit einem heidnischen „Mischvolk“ besiedelt worden. Der zukünftige David kommt für ein ungetrenntes Israel.

9,1-2: Das Volk, das im Finsteren wandelt, wird ein großes Licht sehen, über den Bewohnern des Landes des Todesschattens wird ein großes Licht leuchten. Du machst das Volk zahlreich und seine Freude mehrst du. Sie freuen sich vor dir wegen der Freude in der Ernte, wie sie sich freuen im Verteilen der Beute.

Die ersten beiden Verse dieses Abschnitts zeigen uns, was mit dem Volk geschehen wird. In den Versen 3-6 werden dann drei Begründungen für diese vorangestellte Beschreibung des Volkes genannt. Wirklich bemerkenswert ist zunächst, dass diese Prophezeiung aus dem Mund Jesajas in der an Gott gerichteten „Du“ Anrede formuliert ist. Uns begegnen hier zwei Bilder: Erstens, das Volk, das sein Leben in Finsternis lebt (also in seinem Handeln auch „finster“ ist), wird erhellt, und zweitens, das Volk, das gemehrt wird, freut sich vor Gott. Das erste Bild beschreibt, wie plötzlich diese frohe Botschaft über das Volk kommen wird, das jetzt noch in Angst und Finsternis wandelt. Gleichzeitig zeigt es, dass ein Licht wie das Morgengrauen oder ein heller Stern aufgehen wird, ohne dass das Volk selbst etwas dafür kann. Die Hoffnung, von der Jesaja hier spricht, kommt ohne fremde Mithilfe. Gott selbst, der in der Bibel oft als Licht dargestellt (z.B. 1 Joh 1,5) wird, scheint hier in die Finsternis des Volkes. Das wird auch im zweiten Bild deutlich. In diesem geht es vor allem darum, dass das Volk sich vor Gott freut für das, was er getan hat. Dieses Bild der Ernte und der Mehrung des Volkes kommt wahrscheinlich vom Festkalender Israels. Die großen Feste orientierten sich an den Erntezeiten und immer zu diesen Festen zog das Volk nach Jerusalem, um sich vor Gott zu freuen. Außerdem erinnern die Feste an das erlösende Handeln Gottes, wie z.B. den Auszug aus Ägypten oder die alljährliche Sühnung. Das, was Gott tut, ist erneutes erlösendes Handeln. In den Zeiten Jesajas war die Hoffnung auf Erlösung sicherlich stark mit der Hoffnung auf den Untergang Assyriens verbunden. Doch die kommende Erlösung hier in Jes 9 ist fest in dem Auftreten des neuen Davids verankert.

9,3-4: Denn du hast das Joch zerbrochen, das auf ihm lastete, und den Stab auf seiner Schulter, und den Stecken seines Treibers, wie am Tag Midians. Denn jeder Stiefel, der einherstiefelt mit Dröhnen, und der Mantel, der durchs Blut geschliffen wurde, wird verbrannt und eine Nahrung des Feuers sein.

Hier begegnet uns das erste und zweite „denn“ aus einer Reihe von drei Vorkommnissen dieses kleinen Wörtchens, das eine Begründung einleitet. Und auch hier werden Bilder verwendet. um zu beschreiben was Gott tun wird. Das erste Bild spricht von der Unterdrückung des Volkes durch „Joch“, „Stecken“ und „Stab“. Hier wird an den Auszug aus Ägypten erinnert, daran, wie Gott das Joch des Volkes zerbrochen hat (3 Mose 26,13), wie es von seinen Unterdrückern mit Stäben geschlagen wurde (2 Mose 1,10-12) und daran, wie Gott sein Volk von der Last auf ihren Schultern befreit hat (Ps 81,7).1Das wirklich bemerkenswerte ist nun, wie dieses Bild von der Erlösung des Volkes im Auszug aus Ägypten (das im Neuen Testament ja immer wieder als Bild der Erlösung durch Christus dargestellt wird) mit der Situation Jesajas verbunden wird. Dafür wird nämlich ein zweites Bild gebraucht. Der „Tag Midians“ blickt zurück auf den Richter Gideon, der Teile des Volkes Gottes aus der Unterdrückung durch die Midianiter befreite (Ri 6-7). Im Gegensatz zu Ahas erbat Gideon ein wundersames Zeichen von Gott (Ri 6,17) und vertraute, dass Gott ihn auch mit unfassbar geringer militärischer Stärke gegen eine Übermacht zum Sieg führen würde (Ri 7). Die Botschaft von Jes 9,3 ist, dass Gott sein Volk wieder erlösen wird, und zwar auf eine Art und Weise, wie die Menschen es nicht erwarten. Während Ahas nur auf militärische Stärke vertraute, wird der neue David sein wie Gideon und auf Gott vertrauen.

Das zweite Bild von Stiefeln und blutverschmierten Mänteln erinnert an Soldaten, die zum Krieg ausziehen. Dieses Soldatenwerk wird aber wie Nahrung für Feuer sein und verbrannt werden, wenn die Erlösung Gottes kommt. Der neue David, der bereits in 7,14 und 11,1 angekündigt wird, wird ein König des Friedens sein. Dieser göttliche Frieden ist ein Thema, das die gesamte Schrift durchzieht und z.B. im Hebräerbrief als die „Gottesruhe“ bezeichnet wird. Die Erlösung betrifft nicht nur eine Errettung aus größter Not. Sie stellt auch Ruhe und Frieden innerhalb des Volkes und nach außen her.

9,5: Denn uns wird ein Kind geboren, ein Sohn wird uns gegeben und die Herrschaft wird auf seiner Schulter sein. Und sein Name wird gerufen werden:  „Wunderbar-Ratgeber, Gott-Krieger, Ewiger Vater, Fürst des Friedens“

Das dritte „denn“ in dieser Reihe markiert die eigentliche Begründung für das Alles. Wir haben am Anfang gesehen, was dem Volk geschehen wird: Freude vor Gott. Dieser Zustand wird durch das erlösende Handeln Gottes herbeigeführt, das in den ersten zwei Vorkommnissen von „denn“ beschrieben wird. Das dritte „denn“ nun beschreibt die Grundlage und Begründung all dessen, was zuvor genannt wurde.

Doch was ist der Grund für die zukünftige Freude des Volkes vor Gott? Es ist die Geburt eines Kindes bzw. die Geburt eines neuen Davids, wie wir aus 11,1 wissen. Dieses Kind wird die Herrschaft innehaben, in der die Freude herrschen wird, von der wir in 9,1-2 lesen.

Im Gegensatz zu unserer Kultur hatten Namen und das geben von Namen eine besondere Funktion im Alten Orient. Etwas „zu benennen“ bedeutete, dieses zu definieren und seine Essenz herauszustellen.2 Ein gutes Beispiel dafür ist der Name Jakobs. Die semitische Wortwurzel „ekeb“ im Namen Jakobs bedeutet so viel wie „Ferse“. Bei Jakobs Geburt griff er seinem Zwillingsbruder Esau, der zuerst geboren wurde, an die Ferse. Gleichzeitig ist die Verse ein Symbol für das „Überkommen“ oder „Verdrängen“. Die Rivalität und das spätere Überkommen Esaus durch Jakob ist bereits in seinem Namen vorgezeichnet.3 Die Namen, die in Jes 9,5 aufgezählt werden sind nicht nur bloße Bezeichnungen oder Titel, sondern sie beschreiben das Wesen des neuen Davids.

Der erste Name des verheißenen Kindes lautet: Wunderbar-Ratgeber und kann verstanden werden als übernatürlicher Ratgeber oder jemand, der übernatürlichen Rat gibt. Hier entsteht ein Kontrast zu den Worten in Jes 1,26-28, in denen klar wird, dass es dem Volk Gottes zur Zeit Jesajas an guten Ratgebern fehlte. Gottes eigener Rat wird in Jes 28,29 als „wunderbar“ bezeichnet.

Der zweite Name des Kindes ist Gott-Krieger und weist hin auf Gottes Wesen als militärischer Held, der schon Gideon gegen die Midianiter half. Dieser Name wird außerdem in Jes 10,21 im Zusammenhang der Umkehr des heiligen Restes für Gott selbst verwendet. Es ist wahrlich keine steile Behauptung, die Göttlichkeit des hier angekündigten Kindes anzunehmen. Der Immanuel ist wirklich ein „Gott mit uns“.

Ewiger Vater bildet den dritten Namen. Der Titel „Vater“ ist eher ungewöhnlich im Alten Testament als Ausdruck für Gott. Wahrscheinlich sollte hier jeglichen Verirrungen vorgebeugt werden, die (wie die vielen Völker um Israel herum annahmen) davon ausgingen, dass die Götter tatsächliche physische Nachkommen hervorbringen. Dennoch findet sich die Anrede „Vater“ als Gottesanrede (Ps 68,6) und ist hier wahrscheinlich ähnlich zu verstehen. Es soll die Idee vermittelt werden, dass die Herrschaft dieses Kindes sich am Muster göttlicher Vaterschaft orientiert. Gleichzeitig ist „ewig“ ein Zustand, den ausschließlich Gott einnehmen kann. Allerdings ist auch dem davidischen Königshaus ein „ewiger Thron“ versprochen worden (2 Sam 7,16). Dies führt uns wieder zurück zu der Schlussfolgerung, dass Immanuel (Jes 7,14), der neue David (11,1) und Ewiger Vater (9,6) ein und dieselbe Person darstellen. Die davidische Linie vermischt sich hier mit klaren Ausdrücken von Göttlichkeit. Das lässt uns unweigerlich in die Richtung des Messias Jesus blicken, der ganz Mensch und ganz Gott ist.

Der letzte der vier Namen ist Fürst des Friedens und bildet eine Brücke zum neuen David in Jes 11,1-9. Auf der einen Seite ist die Wesenseigenschaft des Friedens der Garant dafür, dass tatsächlich jeder Mantel und Stiefel des Krieges vom Feuer verzerrt wird (Jes 9,5), auf der anderen Seite hat der Frieden eine bestimmte Bedeutung in der Schrift. Frieden zu haben, bedeutet, ein erfülltes Leben zu leben (1 Mose 15,15), Wohlbefinden zu haben (1 Mose 29,6), frei zu sein von Angst (1 Sam 1,17), von Gott mit Segen überschüttet zu werden (4 Mose 6,26) und versöhnt zu sein mit Gott (Jes 53,5). In Frieden zu leben, bedeutet in der Schrift nicht bloß, keinen Krieg mehr zu haben, sondern in der Gänze und Fülle dessen zu leben, was Gott für den Menschen bestimmt hat. Der Fürst des Friedens führt sein Volk daher in diese Fülle hinein.

9,6: Der Ausweitung seiner Herrschaft und des Friedens wird kein Ende sein auf dem Thron Davids und über seinem Königreich es festzumachen und zu stärken in Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des Herrn wird dies tun.

Dieser letzte Vers des Gedichts macht unweigerlich deutlich, dass wir es bei diesem Kind mit einem König aus dem Hause Davids zu tun haben. Gleichzeitig wird deutlich, dass die hier beschriebene Realität weit über den Syro-Ephraimitischen Krieg hinausgeht. Auch wenn Könige wie Hiskia oder Josia sich wohl diesem Ideal annäherten, so ist hier ein endzeitlicher König auf Davids ewigem Thron im Blick, denn seine Herrschaft wird kein Ende haben. Das moralische Fundament für seine Regentschaft bilden nicht Machthunger und Götzendienst, sondern Recht und Gerechtigkeit. Und am Ende soll das Volk wissen, dass sie nichts dazu getan haben. Es war der Eifer des Herrn, der es getan hat. Der Eifer Gottes für sein Volk ist dabei Teil seiner umfassenden Liebe. Gott will keine Konkurrenten neben sich und befreit sein Volk aus der Unterdrückung.

Zusammenschau: Wer ist dieser neue David? Er ist ein Wunderbarer Ratgeber aus dem Hause Davids und gleichzeitig ein Gott-Krieger. Er ist ein Fürst des Friedens und gleichzeitig ein Ewiger Vater. Seine Geburt wird unermessliche Freude für das Volk Gottes vor Gott bringen und Erlösung bereitstellen.

Schlussfolgerungen

Während wir drei Prophezeiungen auf den Messias hin in Jesaja 7-11 finden, so ist Jes 9,1-6 vor allem eine Prophezeiung für das Volk Gottes selbst. Auch wenn das Volk zu Jesajas Zeit in Angst und Finsternis lebte, gibt Gott Hoffnung, dass ein Kind geboren werden wird. Das Gesicht eines Kindes soll sich hier der Fratze der Zerstörung Assyriens entgegenstellen. Und wie schon bei Gideon, der mit nur 300 Mann gegen ein riesiges Herr von Midianitern in den Kampf zog, ist sein wahre Stärke Gottes Gegenwart, die darüber bestimmt, wer am Ende den Sieg davonträgt. Die Hoffnung eines ganzen Volkes liegt hier auf der Geburt eines Kindes. Diese Geburt ist das Zeichen dafür, dass das Friedensreich des Messias kommt.

Als der Engel des Herrn zu den Hirten auf dem Feld trat (Luk 2:8-14) und ihnen die Geburt Jesu Christi verkündigte, da sind viele Elemente der Verheißung Jesajas wiederzuerkennen: Die Klarheit des Herrn leuchtet dem Volk in der Finsternis (Luk 2,9), große Freude wird allem Volk widerfahren (Luk 2,10), der Messias ist als ein Kind geboren (2,11), die Tatsache, dass ein Kind geboren wurde, ist ein Zeichen für die Ankunft des Messias (2,11), Gottes militärische Macht ist anwesend (2,13), und der Friede soll bei den Menschen ankommen (2,14). Ob die Hirten sich an Jesajas Worte erinnern konnten in diesem Moment? Wahrscheinlich ja, denn sie kamen sofort zu dem frisch geborenen Kind und lobten Gott für das, was sie sehen durften. Doch was haben sie gesehen? Dass für sie an diesem Tag ein Kind geboren wurde, ein Sohn wurde ihnen gegeben, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht. Jesu Geburt ist ein Zeichen für sein Volk, dass er, der Immanuel, der Spross Isais, der Gott-Krieger und Friedefürst, sein Reich aufrichten wird. Das haben die Hirten in dieser Nacht begriffen.

Jesajas Worte hallen auch noch heute nach, wenn wir uns danach sehnen, dass der Messias auch ein zweites Mal kommen wird, um sein Friedensreich endgültig aufzurichten. Dort wird große Freude sein und das Volk wird sich vor Gott freuen.

1 Motyer, J. Alec. The Prophecy of Isaiah. An Introduction and Commentary. Downers Grove: IVP, 1993. 101.

2 Walton, John H. Ancient Near Eastern Thought and the Old Testament. Introducing the Conceptual World of the Hebrew Bible. Nottingham: Apollos, 92f.

3 Viele Theologen versuchen, Jakobs Namen als „Gott beschützt“ zu erklären und meinen, dass Jakobs Eltern den Namen falsch verstanden haben bzw. die Geschichte nicht authentisch ist. Während es stimmt, dass Jakob in Inschriften oftmals als Jakob-el „Gott beschützt“ oder „möge Gott beschützen“ verstanden wird, ist das kein Grund, dass die Eltern Jakobs unter diesen besonderen Umständen von Jakobs Geburt nicht eine Neuinterpretationen des Namens innerhalb des bestehenden Bedeutungsspektrums der Wurzel ekeb (עקב) hätten vornehmen können.

Bildnachweis: Chris Phillips, Lachish Reliefs unter CC BY-NC-ND 2.0 Lizenz

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